Zwei Männer stehen einander zugewandt beisammen und schauen den Betrachter entspannt an. Ihre Kleidung – beide tragen feinsten Konzertfrack – steht in krassem Gegensatz zu dem Raum, in dem sie sich befinden. Die Einrichtung karg, die Wände grell-gelb, ein einfacher Tisch, auf dem ein klägliches Catering aufgebaut ist. Gleichzeitig ist da diese perfekte Symmetrie, die, gepaart mit dem harten Kontrast dieser distinguierten Herren in diesem unwirtlichen Zimmer, aus einem Foto Kunst macht: Zwei Gestalten vor vier in einer Reihe stehenden Tischen, über ihren Köpfen schweben vier Leuchtröhren, an der einen Zimmerwand befinden sich zwei Doppelschranktüren.

Wenn Reiner Pfisterer das Foto heute betrachtet, ist er immer noch beglückt: „Das sieht total inszeniert aus – ist es aber nicht. Ich habe das genau so vorgefunden.“ Das Glück des Tüchtigen. Der Fotograf sitzt in einem Café in der Stuttgarter Innenstadt und blättert in einem Bildband, an dem er ein Jahrzehnt gearbeitet hat. Ab 2010 hat Pfisterer das Stuttgarter Kammerorchester auf Tour begleitet. Rund 60 000 Fotos hat er von dem 17-köpfigen Ensemble gemacht. Ein Jahr lang hat er Bilder gesichtet, um schließlich die Besten – mehr als 150 – für sein Buch auszuwählen, das dieser Tage pünktlich zum anstehenden­ 75. ­Geburtstag des Stuttgarter Kammerorchesters erschienen ist.

Am 18. September 1945 fand das erste Konzert des Orchesters statt, heute gilt es als ältestes Ensemble seiner Art der Welt. Rund 90 Konzerte gehen pro Jahr über die Bühne, viele in den schönsten Konzertsälen rund um den Globus. Von Japan über Norwegen bis in die Niederlande, nach Malaysia, Indien oder China: Pfisterer hat 16 Länder mit dem Kammerorchester bereist und seinen Alltag auf Tour mit der Kamera festgehalten. Der Kontakt sei damals über ein gemeinsames ehrenamtliches Projekt mit einer Grundschule zustande gekommen. Dabei habe er die Idee entwickelt, das Ensemble über längere Zeit zu begleiten, alle Facetten dieses Betriebs darzustellen.

Mit Musik kennt sich der 53-Jährige, der in Bietigheim-Bissingen im Kreis Ludwigsburg lebt, aus. In mehr als 25 Jahren hat er sich einen Ruf als einer der umtriebigsten Festivalfotografen gemacht, hatte Größen wie Metallica, die Queens of the Stone Age, die Toten Hosen oder Amy Macdonald vor der Linse. Auch persönlich spielt Musik eine riesige Rolle. „New Wave, Radiohead, Placebo, Gitarre, Bass, Schlagzeug“, das ist sein Ding. Klassik habe er davor auch immer wieder gehört und auch fotografiert. „Beim Kammerorchester habe ich dann aber doch Lehrgeld bezahlt.“ Ein klassisches Konzert vertrage kein Blitzlichtgewitter. „Ich habe deshalb oft die Probensituation genutzt.“ Entstanden sind Bilder, die das Orchester inmitten spektakulärer Konzertsäle wie dem Palau de la Música in Barcelona oder der Hamburger Elbphilharmonie zeigen, deren atemberaubende Architektur teils erst richtig zur Geltung kommt, weil die Ränge leer sind.

Pfisterer versteht sich vor allem als Chronist, der die Dinge zeigt, wie sie sind. Die Inszenierung sei nicht seine Sache. Nur einmal, in Penang, Malaysia, da konnte er nicht widerstehen. Das Konzerthaus liegt direkt am Wasser, in der Ferne eine funkelnde Skyline. „Da habe ich zu einem Musiker gesagt, stell’ dich mal da hin und halte still.“

200 Seiten umfasst der Bildband, der den bezeichnenden Titel „Gut gespielt ist nicht genug“ trägt. Er soll zum Ausdruck bringen, dass viel dazu gehört, damit ein Konzert gelingt. Pfisterers Bilder zeigen Musiker, die in engen Hotelzimmern mit der Geige stehen und proben, die schwere Instrumentenkoffer durch Straßen und Flughäfen schleppen, die in Hotellobbys auf die Abreise zum nächsten Konzert warten. Eine positive Grundstimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Man sieht Freundschaft, gesellige Abendessen, Musiker, die über Notenblättern die Köpfe zusammenstecken, die sich beim Musizieren anlächeln, sich vor vollen Rängen nach Konzerten umarmen.

Serie über Corona-Konzerte

Szenen, die beglücken und zugleich schmerzen, machen sie doch klar: Das alles fand vor Corona statt. Um den Kontrast deutlich zu machen, hat Pfisterer auch ein Pandemie-Bild ins Buch gepackt. Es zeigt zwei Orchestermitglieder, die einer 106-Jährigen ein Geburtstagsständchen spielen. Sie steht auf dem Balkon, die Musiker im Garten. Das Foto ist Teil von Pfisterers neuem Projekt „Die Rückkehr der Musik“. Gut 60 Konzerte in und um Stuttgart, die unter Pandemiebedingungen stattfanden, hat er dafür fotografiert. Herausgekommen ist eine 15-teilige Postkartenserie, aus der irgendwann ein Buch entstehen soll. Das Ganze sei als Solidaritätsaktion für die Musikbranche gedacht. „Ich will zeigen, dass die Musik noch da ist.“

Bild von „Astro-Alex“ geht um die Welt


Das erfolgreichste Foto, das Reiner Pfisterer je gemacht hat, zeigt den Astronauten Alexander Gerst, der sich 2018 bei den Jazz-Open live aus dem All auf den Stuttgarter Schlossplatz zuschaltete. Das Bild ging um die Welt.

Seinen 75. Geburtstag begeht das Stuttgarter Kammerorchester mit drei Konzerten in Stuttgart – am 18. September in den Wagenhallen sowie am 19. September in der Liederhalle. Karten gibt’s online über kulturgemeinschaft.de. Der Bildband „Gut gespielt ist nicht genug“ ist im Urachhaus-Verlag erschienen und kostet 34 Euro. dl