Stuttgart / Jürgen Kanold Das Stuttgarter Angebot ist vielfältig, wegen der Kurzarbeit aber deutlich reduziert. Und nur 330 Zuschauer dürfen ins Opernhaus. Von Jürgen Kanold

Es war der dritte Anlauf der Staatstheater, den Spielplan für die Saison 2020/2021 bekanntzugeben, aber auch der ist nur halb geglückt: Weiter als bis Januar wagen die Stuttgarter in der Corona-Krise nicht zu planen. Die Stimmungslage im Drei-Sparten-Haus mit einem 110-Millionen-Euro-Budget und in normalen Zeiten rund 450 000 Zuschauern? Ungefähr zwischen Optimismus und Apokalypse, sagt Marc-Oliver Hendriks, der Geschäftsführende Intendant, der jetzt auch Kurzarbeit organisieren muss.

Eine solches Instrumentarium kannten die Staatstheater, die am 13. März den regulären Spielbetrieb einstellten, nicht. Doch es muss gespart werden: Bis Ende des Jahres fehlen etwa 7,4 Millionen Euro an Einnahmen. Oder, wie es Hendriks auf einer Freilicht-Pressekonferenz im Innenhof für die kommende Saison ausführte: Wenn nach den aktuellen Corona-Verordnungen und dem „Goldstandard“ 1,5 Meter Abstand zwischen den Zuschauern nur 25 Prozent der Plätze belegt werden dürfen (im Opernhaus 330, im Schauspielhaus 170), bedeutet das einen Verlust von 75 Prozent im Ticketverkauf. Ungefähr 16 Millionen Euro ihres Budgets erwirtschaften die Staatstheater an der Kasse, macht also ein Minus von 12 Millionen Euro.

Darauf haben Schauspiel, Oper und Ballett zu reagieren, auch mit Kurzarbeit – was eine entsprechende Reduzierung der Vorstellungen bedeutet: zum Beispiel statt 68 nur 38 Aufführungen der Staatsoper im Opernhaus (und im Januar keine einzige). Dass die Kurzarbeit gleichwohl heftiger Debattenstoff ist, deutete Generalmusikdirektor Cornelius Meister an: Es mache ihn „sehr traurig“ und er finde es „sehr seltsam“, dass das Land dazu auffordere, viel weniger künstlerisch zu arbeiten, um Geld zu sparen, der Staat aus einem anderen Topf die Mitarbeiter dann aber wiederum finanziell unterstütze.

Staatsoper

Das Programm ist allemal groß und vielfältig. Viktor Schoner, Intendant der Staatsoper Stuttgart, stellte fünf Musiktheater-Premieren vor. Die stehen in dieser Corona-Zeit, die das Gemeinschaftsgefühl neu definiert, unter der Leitfrage „Wer ist wir?“. Barry Kosky und Suzanne Andrade bringen ihre „Zauberflöte“ in Stummfilm- und Comic-Manier, ein Exportschlager der Komischen Oper Berlin, jetzt auch in Stuttgart auf die Bühne (3. Oktober). Der schon für diese Saison angesetzte Doppelabend mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Sciarrinos „Luci mie traditrici“ kommt am 11. Oktober heraus.

Unter Leitung von Cornelius Meister ist Mahlers „Lied von der Erde“ in einer Fassung für Kammerorchester, kombiniert mit Elfriede Jelineks Prosatext „Die Bienenkönigin“ (mit Corinna Harfouch), die dritte Neuproduktion. Weitere Projekte sind Massenets „Werther“ sowie Ravels „Die verzauberte Welt“ in der Regie von Schorsch Kamerun und unter Leitung von Dennis Russell Davies als Opernabend für die ganze Familie.

Stuttgarter Ballett

Die neue John-Cranko-Schule ist fertig, und das Jubiläum 60 Jahre Stuttgarter Ballett steht an: Tamas Detrich und seine Compagnie hätten viel zu feiern, aber in der Corona-Krise muss der Intendant vorsichtig agieren. Den Ballettabend „Response I“, der an diesem Samstag Premiere feiert, übernimmt das Stuttgarter Ballett in die nächste Saison, und in „Response II“ dürfen die „jungen Wilden“ mit neuen Choreografien ein weiteres Mal ihre Qualitäten zeigen. Die „Höhepunkte“ sollen nachgeholt werden, ein Abend im Opernhaus mit Arbeiten von Kylian, Petit und Béjart („Boléro“). Und für Januar ist Neumeiers „Kameliendame“ geplant, mit oder ohne Orchester. Bis zum Lockdown waren die Aufführungen des Stuttgarter Balletts zu 99,8 Prozent ausgebucht – „wir werden immer für Euch da sein!“, versprach Intendant Detrich sehr emotional den Fans.

Schauspiel

Ziemlich erschöpft und urlaubsreif zeigte sich Schauspielchef Burkhard C. Kosminski: „Alles hat sich verändert, jedes Team musste sich neu erfinden.“ Er präsentierte gleichwohl mit Zuversicht zahlreiche Produktionen, darunter zwei Uraufführungen von Thomas Melle („Die Lage“) und Gernot Grünewald („Un/True“). Kosminski selbst inszeniert den Dürrenmatt-Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ mit der aus Israel neu ins Stuttgarter Ensemble wechselnden Schauspielerin Evgenia Dodina.

Unter der Saison-Überschrift „Welches Jetzt wollen wir leben“ ist im Schauspielhaus auch eine Bühnenadaption des Buñuel-Filmklassikers „Der Würgeengel“ zu sehen. Als Familienstück inszeniert Corinna von Rad „Robin Hood“. Und Harald Schmidt, ja, der setzt seine Show-Reihe „Echt Schmidt“ fort.

Teil zwei des Spielplans Mitte Januar

Die Saison 2020/2021 der Staatstheater Stuttgart steht gewissermaßen unter Corona-Vorbehalt. Der erste Band des Spielzeitbuchs wird vorerst nur digital veröffentlicht. Die zweite Hälfte des Spielplans für Februar bis Juli 2021 soll Mitte Januar verkündet werden. Abonnements bleiben grundsätzlich bestehen, es können aber angesichts der reduzierten Platzkapazität viel weniger angeboten werden.