Stuttgart / Jürgen Kanold Hohe Ambitionen, großer Kunstwille, überfordernde Bilderflut in Stuttgart: „Boris“ verzahnt Werke von Modest Mussorgski und Sergej Newski. Von Jürgen Kanold

Was soll das sein? Eine Teekanne, eine Krone, ein orthodox-futuristischer Tempel, ein mit kohleschwarzem Wohlstandsschrott gefüller Cupcake?

Es ist jedenfalls eine Drehbühnenkulisse, über die sich noch ein kreisrundes Videoband senkt, auf der Bilder aus der Weltgeschichte laufen, theatralische Live-Szenen oder Comics in Endlosschleife. Viele Minuten lang sind nur klassisch auf Spitze tanzende Füße zu sehen oder der Kopf eines Mannes, der mit Mull eingewickelt wird. Alexander Kluge hätte an diesem Assoziationsfeuerwerk seine erhellende Freude. Aber der Normalzuschauer der Staatsoper Stuttgart ist überfordert vom multimedialen Angriff: Schließlich werden noch zwei miteinander verzahnte Opernwerke geboten beim dreieinhalbstündigen „Boris“-Abend.

Da wäre zunächst: die Urfassung des 1869 von Modest Mussorgski komponierten Historiendramas „Boris Godunow“. Das erzählt vom Aufstieg und Fall eines Zaren in einer russischen „Zeit der Wirren“. Das Volk setzt große Hoffnungen in die Krönung Boris Godunows. Doch pflasterte ein Mord dessen Weg? Ein junger Mann, Grigori, behauptet wiederum, eben jener ermordete Zarewitsch zu sein, und beansprucht den Thron. Tief verunsichert zudem von den Intrigen des Fürsten Schuiski (sehr aasig, eindrucksvoll: Matthias Klink) bricht der seelisch zerrüttete Boris zusammen. Das Spiel der Mächtigen: Lügen, Legenden, ein Alptraum. So tauchen in dieser Inszenierung unter den Bojaren, die Boris’ Schicksal mitbestimmen, als Maskenträger Lenin, Gorbatschow und Putin auf.

Dann wäre da noch: Sergej Newskis uraufgeführtes Auftragswerk „Secondhand-Zeit“ mit Texten des gleichnamigen Romans der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijetwisch. Die Ukrainerin, die zur Premiere nach Stuttgart kam, schreibt über Leben auf den Trümmern des Sozialismus, gibt einzelnen Menschen eine Stimme. So melden sich: die Aktivistin, die Geflüchtete, die Mutter des Selbstmörders, der jüdische Partisan, die Frau des Kollaborateurs, der Obdachlose. Die Masse – und das Individuum, das seine selbsterlebte Version der Geschichte berichtet.

Simultanes Spiel

Newskis „Erinnerungssplitter“ sind als sechs Intermezzi (plus Epilog) eingefügt in Mussorgskis Oper, gesungen von Akteuren aus dem „Boris“-Personal, die damit ein eigenes Bewusstsein erhalten. Es ist ein komplexes Doppelwerk mit musikalisch schlüssigen Übergängen und Wirkungen. Newskis vielgestaltige Moderne mit unterschiedlichsten Klangverhältnissen und -mitteln, von flächig strömend bis messerscharf sezierend, geht eine Beziehung ein zu Mussorgskis oft brutaler Direktheit einer modernen Romantik. Titus Engel am Dirigentenpult des Staatsorchesters tariert das bravourös aus. Der Zuhörer ist manchmal irritiert – ist das schon Mussorgski oder noch Newski? Spannend.

Das Stichwort heißt „Simultan­erleben“: „die Oper als Multiversum“. Es gehe darum, sagt die Dramaturgie, ob Geschichte eine Folge von abgeschlossenen Ereignissen ist, die man auf einem Zeitstrahl darstellen kann, oder ob verschiedene Schichten von Zeit koexistieren. Ein Satz aus dem Programmheft, über den man eine Aufführung lang nachdenken könnte: „Wie Untote fahren die vor langer Zeit geträumten Träume und erlebten Enttäuschungen in die Menschen der Zukunft und geben ihnen ein Gefühl für ihr Gestern zurück.“

Ganz neu ist das nicht in der Oper, in der so vieles parallel passieren kann: Die Kugelgestalt der Zeit etwa hat schon Bernd-Alois Zimmermann in seiner 1965 uraufgeführten Oper „Die Soldaten“ ausgelotet. Das hoch ambitionierte Stuttgarter „Boris“-Projekt hat allemal eine intellektuelle Klasse, man begreift den Willen, den Anspruch – aber die Inszenierung hat Probleme und Längen.

Denn Regisseur Paul-Georg Dittrich und sein Team wollen zu viel auf einmal: Sie verdoppeln und verdreifachen mit Bildern noch die Aktion, statt den Zuschauer zu leiten. Wohl auch deshalb: eine ordentliche Prise Premieren-Buhs im Beifallssturm. Umjubelt aber das hervorragende Ensemble und der mächtige wie präzise Staatsopernchor. Und man vergisst es fast im Total­theater: Adam Palka gelang mit einem packend emotionalen Bass ein tolles Debüt als Boris.

Frühjahrsfestival „Futur II“

Die Premiere von „Boris“ war zugleich der Auftakt des zweiten Frühjahrsfestivals an der von Viktor Schoner geleiteten Staatsoper Stuttgart. „Futur II“ lautet das Thema auf dem Spielplan bis zum 22. März: „Wer wollen wir gewesen sein?“ Auch die Premieren von Hans Zenders Interpretation der „Winterreise“ von Franz Schubert (1. März) und der Vivaldi-Oper „Juditha triumphans“ (22. März) beschäftigen sich mit der „vollendeten Zukunft“. Dazu gibt es zahlreiche Konzerte und Gesprächsformate, darunter lange Nächte der „wiedergefundenen Zeit“.

„Boris“ ist wieder am 7., 16. und 23. Februar, am 2. März sowie am 10. und 13. April zu sehen.