Stuttgart / Jürgen Kanold Die wilden, revolutionären, tödlichen 60er Jahre: Die Staatsgalerie Stuttgart erinnert an den Maler Uwe Lausen und die Fotografin Heide Stolz. Von Jürgen Kanold

Ein cooler Typ mit Sonnenbrille und einer Zigarette im Mund hält die Kalaschnikow protzend wie eine E-Gitarre. Im Hintergrund schaut ein ängstlich verschüchtertes männliches  Gesicht hinter einem Hochstuhl hervor: „Grandiose Aussichten“  nannte Uwe Lausen seine sehr deutsche Pop-Art von 1967. Seine Frau Heide Stolz fotografierte das Gemälde dann schwarz-weiß, mit der stramm schmollenden Tochter Lea davor. Nicht wirklich ein Familien-Idyll.

Provokation, Tabubrüche, Protest, Exzesse – in den Wunden rühren der Nachkriegsgesellschaft, mit ihr böse abrechnen, in den unheiligen Alltag hineingrätschen: Das war eine Kunst des Widerspruchs. Die konnte ironisch und großkotzig sein, depressiv wie euphorisch anklagend, so aggressiv wie spielerisch die Welt erkundend. Wobei die Akteure wussten, dass das Wohnzimmer schon die Hölle war. Es sind die aufwühlenden 68er, die unter anderem auf Abwegen der Gewalt auch zum Baader-Meinhof-Komplex, zur RAF, nach Stammheim führten. Stuttgart gehörte zu den Zentralorten. Schwäbische Wut ist, in welcher Variation auch immer, kein neues Phänomen: Uwe Lausen, 1941 auf dem Killesberg geboren, hatte sie als Künstler. Er starb mit 29 Jahren: „Du lebst nur keinmal“ heißt eine überraschende Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart über Lausen und Heide Stolz, ein Künstlerpaar der 1960er Jahre.

Uwe Lausens Biografie ist geradezu das Klischee einer 68er-Existenz – aber wahr. Er wächst umsorgt in Stuttgart auf. Der Vater ist SPD-Politiker und macht sich als Landtagsabgeordneter in den 50ern als „Sparkommissar“ einen Namen, ist „ein Mann mit strenger Moral, der so an seine Moral glaubte, dass er sich selbst vergaß“, wie der Sohn es formuliert. Dieser besitzt wiederum eine außergewöhnliche musische Begabung, früh erkanntes bildnerisches Talent. Auf der Abiturfeier verschwindet er ohne ein Wort an die Eltern, um durch die Welt zu reisen. Weiter als bis Casablanca kommt er nicht, an Tripper erkrankt.

Lausen schreibt sich an der Uni in Tübingen für Philosophie ein, immatrikuliert sich 1960 dann in München für Jura. Er stößt zur Künstlergruppe SPUR, malt als Autodidakt, muss drei Wochen ins Gefängnis für einen „gotteslästerlichen, pornografischen“ Zeitschriftenartikel. Er heiratet die 1939 in Kupferzell geborene Fotografin Heide Stolz, zwei Kinder kommen auf die Welt, die Familie lebt auf einem Bauernhof südlich von München: Aussteiger, Kommunen-Dasein auf dem Land und in Schwabing. Lausen aber verliert sich dann auch, an keine Moral glaubend. Drogen über Jahre, LSD-Horrortrips, Verfolgungswahn, Nervenzusammenbrüche, Trennung von der Frau, keine künstlerische Arbeit mehr, 1970 schneidet sich Lausen im Haus seiner Eltern in Beilstein die Pulsadern auf.

Das ist jetzt 50 Jahre her und der Anlass für die bemerkenswerte Ausstellung im Barth-Flügel der Staatsgalerie – und große Foto-Inszenierungen von Heide Stolz (die 1985 an Krebs starb) sind in einem Raum auch oben im Stirling-Bau zu sehen. Lausens Werk steht im Mittelpunkt. Die Schau dokumentiert einen Werdegang, die Suche nach einer Bildsprache: wie der Stuttgarter 1964 „Hundertwasser-Schrebergärten“ sarkastisch kopiert; wie er Francis Bacon entdeckt, kurz in London lebt und 1965 Ringo Starr im Stile seines Vorbilds porträtiert, mit verfremdet verwischtem Gesicht und fleischigen Gliedmaßen.

Die Ausstellung aber ist vor allem ein Zeitdokument, sie führt spannend in die 60er Jahre am Beispiel der radikalen Protagonisten Uwe Lausen und Heide Stolz. Kuratorin Selima Niggl zeigt sie wie im Film vor, mit kühlem Pathos: „Leben mit Unsicherheit / Sterben mit Sicherheit“ ist ein Raum überschrieben.

„Du lebst nur keinmal“

Die Ausstellung über Uwe Lausen und Heide Stolz, ein Künstlerpaar der 1960er Jahre, läuft in der Staatsgalerie Stuttgart noch bis zum 18. Oktober. Die von Selima Niggl kuratierte Schau im Barth-Flügel des Altbaus ist täglich außer montags geöffnet: von 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr. Christian Müller und Jonas Bolle vom Citizen KANE.Kollektiv haben dazu einen Podcast veröffentlicht über die Bundesrepublik in den 60er Jahren, subversive Aktionen in Stuttgart und das Leben als Kunstwerk: „Heide Stolz und Uwe Lausen: Die Wahrheit ist tot, die Wirklichkeit lebendig“. Weitere Infos über das Begleitprogramm unter staatsgalerie.de
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum Gunzenhauser Chemnitz, wo sie vom 15. November an läuft.