München / Lena Grundhuber Die Münchner Kunsthalle schlägt ein hierzulande unbekanntes Kapitel der Kunstgeschichte auf: „Kanada und der Impressionismus“. Von Lena Grundhuber

Im Pariser Jardin du Luxembourg fallen die Blätter, der Quai des Grands-Augustins liegt wie verzaubert im zartrosa Dämmer der Metropole. Perlmuttfarben spiegelt sich der Winterhimmel über Moret im Wasser – und sieht dieses Picknick nicht so ähnlich aus wie Manets „Frühstück im Grünen“? Nicht ganz, die skandalös nackte Dame fehlt, und auch sonst wirkt die sonnengefleckte Szenerie etwas unschuldiger als die des Vorbilds.

Entstanden ist das Bild zwar tatsächlich in Frankreich, so wie die anderen Gemälde rundum, doch der Maler hieß nicht Édouard Manet, sondern Henri Beau, geboren nicht in Paris, sondern in Kanada. Genauso wie sein Kollege James Wilson Morrice, wie William Blair Bruce, Maurice Cullen oder Helen McNicoll – allesamt Namen, die man hierzulande nicht kennen wird. Denn so ur-französisch, so alt-europäisch die Eröffnung der neuen Ausstellung in der Kunsthalle München zu Beginn wirken mag: Es sind allesamt Maler aus der Neuen Welt.

Die Ausstellung „In einem neuen Licht. Kanada und der Impressionismus“ präsentiert erstmals in Europa 36 kanadische Künstlerinnen und Künstler aus der Phase zwischen 1880 und 1930, deren Werke zum Teil noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Dass sie nicht mit Ottawa, sondern mit Paris einsteigt, hat einen einfachen Grund. Viele kanadische Künstler begannen dort, ihr Handwerk zu lernen. In dem erst 1867 gegründeten Staat in Übersee fehlten etablierte Ausbildungsstätten, und so kam, wer kommen konnte, ins Mutterland der impressionistischen Malerei.

Erst lernte man von der Freilichtmalerei in Barbizon, später gründete William Blair Bruce mit amerikanischen Kollegen eine Künstlerkolonie in Giverny, wo Monet seinen Garten hatte. An Bruces Beispiel kann man die Entwicklung zum Impressionismus nachverfolgen. Die kunstvolle Schlampigkeit seiner Mohnblumen verrät das Vorbild Monet  – Bruces Pappeln, die sich im Wasser spiegeln, inspirierten wohl wiederum den Meister selbst.

Die Kunst des Eindrucks üben die Maler auch am Strand, wo sich bei James Wilson Morrice die Segel und die Wolken um die Wette blähen. Ein paar Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzt Helen McNicoll ein lesendes Mädchen in Sand und Sonnenglanz. Von McNicoll entdeckt man in der teils recht süßlichen Abteilung ,Frauen, Kinder, Sonnenlicht’ das ziemlich moderne „Chintzsofa“ – es zeigt das Sofa ihres Londoner Ateliers, das sich die Malerin mit der Frauenrechtlerin Dorothea Sharp teilte. Auf Reisen entdecken Künstler den Reiz der Fremde, und wer zurückkehrt in die Heimat, der wendet das Gelernte zuhause an. Pferdeschlitten ziehen durch den Schnee, aber durchs winterliche Quebec dampfen auch Züge: Keine unberührte Landschaft, ein Land im Prozess der Kultivierung wird porträtiert.

Ganz kanadisch endet die Ausstellung schließlich mit der Group of Seven, die sich 1920 einer eigenständigen „nationalen“ Kunst verschrieben hatte. Da leuchtet dann nicht mehr der französische Mohn, sondern das Herbstlaub im Algonquin-Park, das die Frage nach einem eigenen ,kanadischen Stil’ indes nicht überzeugend beantwortet.

Vorher jedoch gibt es viele Entdeckungen zu machen. James Wilson Morrices waghalsig reduziertes Bild einer Fähre von 1907, Edwin H. Holgates großartiges Porträt der trauernden „Ludivine“ oder Emily Carrs Totempfähle der Indigenen in British Columbia. In Bildern wie „Gitwangak“ hält sie deren Leben fest – und zeigt damit schon im Jahr 1912, was ein wirklich kanadisches Thema wäre.

Infos und Öffnungszeiten

„In einem neuen Licht. Kanada und der Impressionismus“ wurde von der National Gallery of Canada in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle München organisiert und ist noch bis zum 17. November in letzterer zu sehen.

Die Öffnungszeiten sind täglich 10 bis 20 Uhr, am 21.8., 18.9. und 16.10. von 10 bis 22 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 38 Euro in der Arnoldschen Verlagsgesellschaft erschienen. Mehr Informationen auch zum Begleitprogramm gibt es im Netz unter: www.kunsthalle-muc.de