Berlin / Udo Eberl Justin Vernon und Bon Iver veröffentlichen mit „i,i“ eines der Alben des Jahres, zeigen aber auch Grenzen auf.

Justin Vernon gilt vielen Musikern geradezu als Prototyp des innovativen Kollegen, der sein geniales Momentum aus der tief in ihm verwurzelten Idee des Kollektivismus schöpft. Die künstlerisch offene People-Bewegung, zu deren Motoren auch die Dessner-Brüder (The National) gehören, oder das „Eaux Claires“-Festival in Wisconsin sind nur einige Beispiele für den positiven Aktivismus dieses einnehmenden Geists.

Der Multiinstrumentalist und Songwriter, der rein optisch oftmals eher das Abbild des geschmacksfreien US-Touristen spiegelt, hat nicht erst seit seinem bahnbrechenden Album „22, A Million“ Fans und Superstars aus den unterschiedlichsten Genres auf seiner Seite. R ’n’ B und Avantgarde-Gefrickel, HipHop und Folk, Pop und Jazz – vieles fließt da im Vernon’schen Prozess ineinander, wird aufgewirbelt durch Effekte gejagt. Am Ende klingen Zutaten, die dem der reinen Musik zugetanen Hörer im Mainstream-Gedöns mächtig auf die Rille gehen, hier aufs Konzentrat verdampft und quergeschwenkt schon wieder erfrischend kantig.

Wobei Bon Iver auf ihrem aktuellen Album „i,i“ den Grat zwischen popaffiner Zugänglichkeit und experimentierfreudigem Soundcollagieren noch schmaler haben werden lassen. Der dünnhäutige Mastermind Justin Vernon lud, zur Ruhe gekommen, neben seiner Band auch Streicher und Bläser ein. Zudem kann man auf „i,i“ ein Duett mit James Blake erleben, und mit Bruce Hornsby gibt sich ein Pianist und Sänger die Ehre, den sein eigenes Oeuvre wie auch seine Zeit der Spätphase mit Grateful Dead zur US-Musiklegende gemacht haben.

Für den Guss in den Arrangements sorgt unter anderem Bryce Dessner, der längst zu den wichtigen neuen Komponisten im Bereich Klassik gehört. Und da ist vor allem die so prägende Handschrift des Justin Vernon. Dem Herbst gewidmet sind die 13 Songs des Albums, und dies ist durchaus als Metapher für eine Menschheit gemeint, die dem Abgrund entgegentaumelt.

Die wirklichen Albträume werden hier in vervielfältigte Vokalmelodien gepresst – wie auch die letzten hoffnungsvollen Gutmensch-Träume und Post-Hippie-Gedanken von gerechtem, ausbalanciertem Miteinander im bisweilen fast schon nervig überstrapazierten Vokoder-Falsett, das ausgereizt scheint. Hellwach, auf den Punkt und in den Brüchen noch lebendiger ist dieses Album dennoch jederzeit. Der Kult lebt herbstzeitlos weiter, wächst und gedeiht. Udo Eberl