Stuttgart / Von Otto Paul Burkhardt Sozialdrama und #metoo-Studie: Stuttgart startet mit Büchners „Woyzeck“ und „Die Wahrheiten“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz ins Jahr. Von Otto Paul Burkhardt

Es gibt Momente, da bebt und schlottert dieses Wesen am ganzen Leib. Dann wieder bemüht es sich, stramm zu stehen. Oder es geht seltsam mechanisch über die Bühne, wie ein ferngesteuerter Automat. Vor allem: Woyzeck, im Original ein Soldat, ein Underdog, der in den Wahnsinn getrieben wird, ist am Stuttgarter Schauspiel eine Frau. Sylvana Krappatsch spielt die betrogene, entrechtete und verhöhnte Titelfigur des Büchner-Dramas oft wie eine androgyne Gliederpuppe, die mit hängenden Armen die nächsten Befehle abwartet. Jetzt am Wochenende meldete sich das Schauspiel mit einem Premieren-Doppelpack zurück: mit Büchners „Woyzeck“ und mit „Die Wahrheiten“, einem neuen Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.

Die Szenenfolge „Woyzeck“ (1836), inspiriert von realen Fällen und Prozessakten, gilt in ihrer fragmentarisch offenen Form als Vorschein der Moderne und als Kontrapunkt zur idealistischen Klassik, etwa zum „Faust“ I und II (1831/32). Das Drama des 23-jährigen Büchner markiert einen gewaltigen Sprung in der Theaterhistorie und wird bis heute rauf und runter inszeniert.

Woyzeck als Musical (von Robert Wilson und Tom Waits in den 90ern), als pralle Volksfest-Moritat mit leibhaftigem Schwein (Stuttgart 2006), als schrille Performance (Deutsches Theater Berlin 2014), als afrikanisch verortete Kolonialtragödie (Dresden 2019) – hat’s alles schon gegeben. Stuttgarts Ex-Schauspielchef Hasko Weber ließ Büchners Drama gar in Serie inszenieren. Auch die Idee vom Geschlechtertausch – Woyzeck als Frau – war erst kürzlich wieder in Karlsruhe zu besichtigen. Ist „Woyzeck“ etwa „ausinszeniert“?

Der Basler Regisseur Zino Wey geht eher mit ruhiger Hand ans Werk. Vom Schnürboden herunter lässt er ein riesiges Netz hängen. Mal wirkt es wie ein soziales Gitter, in dessen Maschen sich die Stützen der Gesellschaft wie Klammeraffen festkrallen und „unvernetzte“ Outcasts wie Woyzeck verspotten. Dann wieder, in der Tanzszene, blitzt und irrlichtert es wie eine Lightshow.

Die Regie reduziert das Dramenpersonal und streicht etwa die Großmutter, deren großer Moment das zentrale Anti-Märchen ist, die krasse Vision einer postapokalyptischen Welt. Bei Zino Wey wird diese Passage beiläufig von der Figur des Narren erzählt – und verliert so an Wirkung.

Die Regie müht sich, alles Naturalistische zu vermeiden: kein Blut, keine Pisse. Dennoch, ein paar wenige Ausnahmen genehmigt sich Wey. Anstatt den Hauptmann skriptgetreu zu rasieren, puhlt Woyzeck in dessen eitriger Beinwunde herum. Auch Marie wird nicht erstochen, sondern erwürgt. Derlei Veränderungen können nicht immer überzeugen. Zino Weys Büchner-Zugriff bietet ansonsten braves Regietheater as usual, mehr nicht.

Schauspielerisch gibt es jedoch eindrückliche Momente: Matthias Leja als zynisch philosophierender Hauptmann, Sebastian Röhrle als kraftmeiernder Tambourmajor, Paula Skorupa als sehnsuchtvolle Marie. Vor allem Sylvana Krappatsch, die eine ungewöhnliche Woyzeck-Lesart  verkörpert: als systemgelenkte Marionette, zermürbt, zerstört, traumatisiert. Manchmal legt ihr Woyzeck den Kopf schief. Und wirkt dann so, wie ihn die Oberen haben wollen: wie ein trauriger Clown.

Zwei Paare, fünf Meinungen: „Wahrheiten“ im Kammertheater

Ein Premieren-Wochenende der Gegensätze: Im Schauspielhaus gibt‘s konzeptuelles Regietheater – und in der Kammer feiert ein pures Dialogstück Uraufführung, ein Well-made-Play reinster Sorte: „Die Wahrheiten“ von dem vielgespielten Erfolgsgespann Lutz Hübner & Sarah Nemitz. Worum geht’s? Nach 17 Jahren endet die Freundschaft zwischen zwei Paaren abrupt. Die Vergangenheit holt sie ein, denn im Zuge der #metoo-Debatte bricht eine der Frauen einen gemeinsamen Schweigepakt. Von Machtmissbrauch ist nun die Rede, und zudem kommt eine Vergewaltigung ans Licht. Das klug gebaute Stück zeigt aber auch in überraschenden Wendungen, dass es zu ein und demselben Ereignis mehrere „Wahrheiten“ geben kann. So sehen wir vier exzellenten Darstellern – Marietta Meguid, Michael Stiller, Katharina Hauter und Marco Massafra – beim Streiten zu. Das Spektrum reicht von Ignorieren, Verdrängen über Schönreden, Zurechtlügen bis hin zu rigiden Schnellurteilen und ideologischer Verblendung. Vor allem wird klar, wie fein und unmerklich fließend die Übergänge sind. Relativiert wird nichts, am Ende trennen sich auch die Paare untereinander. Starker Problemboulevard à la Yasmina Reza, unterhaltend und intelligent präsentiert. op