Ulm / Von Jürgen Kanold Heinrich Bölls 1951 erschienener Roman „Wo warst du, Adam?“ ist ein herausragendes Beispiel der so genannten Trümmerliteratur – und lohnt der Wiederentdeckung. Von Jürgen Kanold

Von den Weinbergen aus schaut der heimkehrende Soldat Feinhals auf sein Heimatdorf. Im Tal blühen Bäume. Frühling, die letzten Kriegstage. Den Nachbarort Heidesheim haben die Amerikaner schon besetzt, auf der anderen Seite steht noch ein Geschütz der Deutschen – Weidesheim aber lohnt das Gefecht nicht mehr, es liegt mit seinen 15 Häusern und einer Marmeladenfabrik an einer toten Schleife des Flusses.

Sieben Granaten erhält der fanatische Geschützführer Schniewind noch pro Tag. Und die müssen verschossen werden. Für einen Kampf mit den Amerikanern reicht das nicht, so hat er es auf die weißen Fahnen abgesehen, die aus den Häusern von Weidesheim hängen. Wachtmeister Schniewind bestraft die „mangelhafte patriotische Gesinnung“. Feinhals, der aus seiner Einheit entlassen wurde mit der Verpflichtung, sich im Ruhrgebiet mit anderen Landsern zu sammeln, der aber nach Hause geht, nach langen Jahren des Krieges so erschöpft wie sehnsuchtsvoll, hat es jetzt nicht mehr weit. Aber dann fliegen die Granaten.

„Sinnlos, dachte er, wie vollkommen sinnlos.“  Er hört die Mutter im Keller schreien  – und den nächsten Abschuss:  „Er schrie sehr laut, einige Sekunden lang, und er wusste plötzlich, dass Sterben nicht das einfachste war – er schrie laut, bis die Granate ihn traf, und er rollte im Tod auf die Schwelle des Hauses. Die Fahnenstange war zerbrochen, und das weiße Tuch fiel über ihn.“

Heinrich Böll hat das geschrieben; es sind die letzten Sätze seines 1951 erschienenen Romans „Wo warst du, Adam?“.  Es ist ein Roman, der einem jetzt, im Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, wieder in den Sinn kommt – und der einen beim Wiederlesen neu aufrüttelt. Es ist ein herausragendes Beispiel der „Trümmerliteratur“ der jungen Heimkehrer aus dem Krieg, die ein nüchtern realistisches Bild der erlebten Welt zeichneten.

Der Kölner Böll (1917-1985) gehörte zu diesen Autoren wie Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“), Alfred Andersch oder  Wolfdietrich Schnurre. Er war Soldat gewesen, und neben aller Not, die er durchlitten hatte, war es auch die „verlorene Lebenszeit“, die der Sohn eines Schreiners, aufgewachsen in kleinbürgerlicher, katholischer, kinderreicher Familie, beklagte – und die ihn als Schriftsteller antrieb. Das musste jetzt alles gesagt werden: die Vergegenwärtigung der menschenverachtenden Absurdität des Krieges.

Das tat Heinrich Böll gegen erhebliche Widerstände: „Keine Sau will etwas vom Krieg lesen oder hören“, schreibt er 1948. Dann avancierte der Schriftsteller zum Gedächtnis einer erinnerungslosen Gesellschaft, zum Stachel im Fleisch einer selbstzufriedenen Bundesrepublik, die ihre Nazi-Vergangenheit lange verdrängte: der politische Böll, das „Gewissen der Nation“, der Autor der „Ansichten eines Clowns“, der 1972 den Literaturnobelpreis erhielt. Seine Bücher aber sind, vielleicht weil Böll derart engagiert aus der Gegenwart heraus schrieb, fast aus dem Bewusstsein verschwunden.

Leider. Dabei ist etwa „Wo warst du, Adam?“ ein literarisches Kunstwerk. Böll war ein Meister der Kurzgeschichte, der gelernt hatte bei Hemingway, bei den Amerikanern: Diesen Roman könnte man auch als eine Abfolge von Short Storys lesen, die verbunden und handlungsvernetzt sind durch die Figur des Soldaten Feinhals, den der Krieg wie einen Spielball weiterträgt. Eine ungemein realistische, verknappte  Sprache, aber auch groteske Bilder wie aus dem deutschen Expressionismus: Offiziersgestalten, wie von Otto Dix gemalt.

Keine Geschichtsstunde, kein Schlachtenpanorama, kein Antikriegs-Pathos: Böll erzählt direkt von den Menschen in absurden Situationen. Ein Soldat, der für seinen Oberst fünfzig Flaschen Tokaier besorgen muss und an der Front mit ihnen zerfetzt wird. Ein SS-Offizier, der in seinem Lager danach selektiert, ob die Juden in seinem Chor singen können – und der ein Gemetzel befiehlt, als er merkt, das eine katholische Jüdin eine himmlische Stimme besitzt. Ein Wehrmachtskommando, das eine von Partisanen gespengte Brücke wieder aufbaut, um sie sofort wieder zu sprengen, als der Feind anrückt. Die unausweichliche Sinnlosigkeit des Krieges.

Eine Anklage in neun Kapiteln

Als Taschenbuch ist „Wo warst du, Adam?“ bei dtv für 7.50 Euro erhältlich: „Viele Bücher sind gegen den Krieg geschrieben worden. Aber nicht alle wurden so verstanden. Ungewollt ließen sie einen Rest von Sinngebung oder gar eine Faszination am Grauen und an der zerstörenden Gewalt des Krieges zu. Bölls Roman ist unmissverständlich.“