Es ist die Felsenlandschaft der Frühromantiker, nicht nur Caspar David Friedrich malte die Sächsische Schweiz. Und dort an der Elbe, östlich von Dresden, nahe der tschechischen Grenze, holte Frauke Petry bei der letzten Bundestagswahl ein Direktmandat für die AfD; die Umgegend von Königstein ist auch eine Hochburg der NPD. Das ist der Schauplatz von Thilo Krauses Roman-Debüt „Elbwärts“, das beides ist: poetisch wie politisch.

Die Geschichte spielt in einer Gegenwart des Jahres 2002, als das Jahrhunderthochwasser die Sächsische Schweiz heimsucht. Und parallel, in Rückblenden, in der Kindheit des Ich-Erzählers, anfangs der 80er Jahre in der DDR – Krause selbst ist 1977 in Dresden geboren. Ein junger Mann kehrt mit Frau und kleiner Tochter ins heimatliche Nachbardorf zurück, ins geliebte Gebirge der Kindheit, um sich ein neues Leben aufzubauen. Es ist aber eine bedrängende Vergangenheitsbewältigung, denn ein großes Schuldgefühl lastet auf ihm.

Sehnsuchtsort an der Elbe

Da war Vito gewesen, ein Außenseiter wie er in der Schulzeit. Bei einer Kletterpartie in den Felsen  stürzte der Freund ab, verletzte sich schwer, verlor ein Bein. Das hielt den Erzähler nicht ab, später, als sie 13 Jahre alt waren, mit ihm abzuhauen, Zuflucht zu suchen in einer verborgenen Höhle. Sehnsuchtsorte, Erinnerungen an die „wunderbaren Jahre“ nach Art von Truman Capote und Reiner Kunze. Aber die Jugendfreunde verloren sich, wie getrieben ist der Erzähler deshalb wieder daheim:  um Vito aufzusuchen, der jetzt eine Schreinerei führt – und mit den Glatzen sympathisiert, den Nazis, die in Camps lagern?

Der Ausnahmezustand in der Hochwasser-Katastrophe verändert vieles. Dass Krause, der in Zürich lebt und ein ausgezeichneter Lyriker ist (Brentano-Preis, Huchel-Preis), merkt der Leser schnell. Den Roman zeichnet großes Sprachgefühl aus; dazu feine Naturstimmungen und eine innerliche wie präzise Schilderung der Befindlichkeiten der Figuren. Krause erzählt nicht linear, sondern in Gedankensplittern, Szenen – man muss sich die Geschichte in der Tat zusammenreimen. Aber zunehmend fließt es: zu einer realisitschen, bewegenden Geschichte über Ich-Findung, Heimat, Fremdenfeindlichkeit, Freundschaft. „Elbwärts“ gehört gewiss zu den stärksten Romanen in diesem Bücherherbst. Jürgen Kanold