Ulm / Jürgen Kanold Aus der schwäbischen Provinz: „Zeit der Wildschweine“ von Kai Wieland.

Aufgewachsen ist Leon in der schwäbischen Provinz, in einem 500-Seelen-Dorf. Das Aufheulen einer Yamaha in den Haarnadelkurven der Bundesstraße oder die Schüsse der Jäger waren die geräuschvollsten Ereignisse. Wenn er als Kind in die Ferne blickte, egal in welche Richtung, „schien der Wald die gesamte Region in eine dunkle, harzig duftende Umarmung zu schließen“, erinnert sich der Ich-Erzähler in Kai Wielands neuem Roman „Zeit der Wildschweine“.

Als Erwachsener aber ist Leons Vorstellung von der Ferne eine andere geworden, „und umarmen ließ ich mich nur noch zum Geburtstag und bei Beerdigungen“. Der Mann lebt ziemlich einsam. Die Mutter ist tot, beging wohl Suizid. Der Vater hegt im Kehrwochenland den Garten.

Leon ist geradezu zwangsläufig Reiseschriftsteller geworden. Oder wie seine verheiratete Schwester Jana ihm vorwirft: Sie habe sich in den letzten Jahren um alles gekümmert, „während du bloß wütend in die Welt hinausgerannt bist“. Es ist also eine Selbstfindungsgeschichte, die Wieland schildert. Er selbst wurde 1989 in Backnang geboren, einer Stadt im Rems-Murr-Kreis. Schon sein Debüt „Amerika“, ausgezeichnet mit dem Thaddäus-Troll-Preis, war ein etwas anderer Heimatroman. In „Zeit der Wildschweine“ geht’s um die Flucht aus einer Enge, der man nicht entkommen kann – am Ende vielleicht gar nicht entkommen will, weil man Sehnsucht nach einem Halt hat in der Realität. Aber das muss Leon erkunden – wie die „Saugänge“ durchs Maisfeld.

Wenn er mit seinem Vater über Jäger und Schützenvereine streitet und über Geweihe, die im Wohnzimmer hängen, geht das so aus: „Er beanspruchte für sich das Meinungsmonopol auf die Heimat, ich jenes auf die Welt.“ Leon also erhält den Auftrag, im Norden Frankreichs nach „Lost Places“ zu suchen, nach Niemands­orten. Urban Exploration heißen solche Trips. Leon, der Ernest Hemingway verehrt, nimmt den geheimnisvollen Fotografen Janko, den er beim Boxen kennenlernte, mit auf die Reise an die französische Küste und gerät auch in die Dreharbeiten zu Christopher Nolans Spielfilm „Dünkirchen“.

Der Vater kriegt ein Schlägle

Schöne Pointe, dass Leon, der unbedingt ausbrechen will aus der Provinz, auch wieder nur in verlorenen Orten ankommt. Aber diese Erfahrung verändert ihn. Die Episoden erzählt Leon rückblickend, während ihm in der Heimat-Gegenwart die Familie nahe rückt. Sein Vater hat ihm vorgeschlagen, dass er ins Haus zieht und er in Leons Wohnung, aber dann kriegt er ein „Schlägle“.

Der Roman schweift aus in die Welt, die Handlung kurvt ums Ich, die Geschichte verliert sich zuweilen in der Konstruktion, im Irrealen. Kann man aber verstehen: Die Straßen des Schwabenlands umweht kein oft besungener Mythos, verglichen etwa mit den Straßen Philadelphias, deren sich Bruce Springsteen angenommen hat, weiß Leon: „Auf schwäbischen Straßen wird im Allgemeinen einfach bloß gefahren.“ Wieland schlägt aus Überzeugung Umwege ein – damit Leon ankommen kann. Jürgen Kanold