Ulm / Jürgen Kanold Die im Bregenzer Wald aufgewachsene Schriftstellerin Monika Helfer schreibt eindrücklich von ihren Großeltern. Ein Roman über eine „Bagage“, die durch nichts zu erschüttern ist. Von Jürgen Kanold

Die Moosbruggers sind eine arme Familie, sie leben eigenbrötlerisch im Bregenzer Wald, auf einem Hof abseits des Dorfs. Zwei Kühe, eine Ziege, fünf Kinder. Eines davon ist Margarete, die der Vater verabscheut, vor der er sich ekelt, mit der er kein Wort spricht, weil er denkt, dass sie nicht sein Kind sei. Margarete, Grete genannt, ist die Mutter der Ich-Erzählerin. Es sind Erinnerungsbilder, aber „die Wirklichkeit weht hinein“, kalt und ohne Erbarmen – damit ist Monika Helfer, die 1947 in Au in Vorarlberg geborene Schriftstellerin, bei ihrer „Bagage“ und bei der Geschichte ihrer Großeltern. „Die Bagage“ – so lautet der Titel des kleinen Romans, der zur eindrucksvollen neuen Literatur in diesem Frühjahr gehört.

Es ist die Geschichte von Josef und einer schwangeren Maria, die in diesem Falle aber nicht gerade von göttlicher Vorhersehung überstrahlt ist. Sie beginnt im Sommer 1914, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Die Moosbruggers sind Randständige, Ausgegrenzte, aber für sich eine zufriedene Gemeinschaft. Dann wird Josef zur Armee eingezogen. Maria bleibt zurück, unter dem Schutz des Bürgermeisters, der mit ihrem Mann befreundet ist, mit ihm „Geschäftchen“ macht.

Auf dem Markt in der Stadt lernt sie einen geradezu exotisch erscheinenden Deutschen aus Hannover kennen, der dann auch verführerisch an ihre Tür klopft: mit dem alles möglich sein könnte. Der Bürgermeister wiederum fordert das für sich: Er begehrt Maria, versorgt die Hunger leidende Familie im Krieg und erwartet als Gegenleistung mehr als nur einen flüchtigen Kuss. Dann bekommt Maria ein Kind – von wem? Dass Josef zweimal zum Fronturlaub nach Hause gekommen war, lässt das Dorf nicht gelten: alle „Nachrechnungen“ fallen zu Marias Ungunsten aus. Ein böses Gerede. Der Pfarrer kommt und lässt das Kruxifix vor der Haustür mit dem Stemmeisen abklopfen.

„Bei der Bagage kam eben viel zusammen“, vor allem „die viel zu große Schönheit der Frau“, schreibt und erinnert sich Monika Helfer. Und dass der Vater immer noch lebte, während andere Männer im Dorf schon an der Front gefallen waren. Und dass der kleine Lorenz besser rechnen konnte als der Lehrer in der Schule. Diese Bagage aber, auf die sie im Dorf herunterblicken, um sich selbst zu erhöhen – sie hält zusammen. Die Autorin erzählt von trotzigen, mutigen, erwachsenen Kindern, von einem Überlebenswillen. Auch das rührt an – und zwar dank einer einfachen wie altmodischen Sprache, die auch bodenständigen Witz hat und eine zarte Ironie.

Dieser vermeintliche Heimat­roman aber ist mehr, vielstimmig, leichthändig komplex: Die Ich-Erzählerin erkundet ihre Familiengeschichte, das Schicksal ihrer „Bagage“ mit vielen sich verzweigenden, auch bedrückenden Lebensläufen. Was ist aus der Verwandtschaft geworden? Natürlich befragt Monika Helfer autobiografisch und in der Gegenwart ihre eigene Herkunft, die Lügen, Legenden, Wahrheiten. Die uralte Tante Kathe muss als Zeugin herhalten. „Weißt du hundertprozentig genau, dass meine Mama von eurem Vater ist?“ Tante Kathe versichert das deutlich. Was aber wichtiger ist: „Du bist hundertprozentig aus der Bagage.“ Das kann eine Hypothek sein, seelischer Ballast, aber auch ein Schutzmantel und ein unbeugsamer Antrieb.

Im Kunsthistorischen Museum in Wien entdeckt die Erzählerin auf einem Gemälde Pieter Bruegels des Älteren, „Kinderspiele“ benannt, auch diese Bagage: „Sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu oder tuschelten, und ich stand davor und musste lachen.“ Wollen wir nicht alle ein bisschen Bagage sein? Dann wieder durchzieht diesen Roman ein melancholisches Gefühl: „Beinahe alle, über die ich schreibe, liegen unter der Erde“, konstatiert die 72-jährige Autorin. Ihre Kinder aber leben, bis auf Paula, die mit 21 bei einem Unfall starb. Monika Helfers Roman ist auch eine Rhapsodie über Leben und Tod.

Lesungen im Südwesten

Die in Hohenems (Vorarlberg) mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, lebende Monika Helfer ist mit ihrem Roman „Die Bagage“ in Lesungen zu erleben: am 16. März in Friedrichshafen (Kiesel im K42), am 17. März im Pfleghof in Langenau, am 5. Mai im Literaturhaus Freiburg, am 16. Juni im Literaturhaus Stuttgart.