/ Georg Leisten In „Die Geständnisse des Fleisches“ beleuchtet Michel Foucault die christliche Beicht- und Bußpraxis.

Ehrfürchtig blättert man die ersten Seiten auf. Sofort kommt einem die Szene aus Umberto Ecos „Name der Rose“ in den Sinn, als William von Baskerville die ominöse Aristoteles-Ausgabe in Händen hält. Denn wie der (von Eco erfundene) zweite Teil der aristotelischen Poetik ist auch der (real existierende) vierte Band von Michel Foucaults Opus magnum „Sexualität und Wahrheit“ ein Werk, das vor den Augen der Welt eigentlich für immer verborgen bleiben sollte.

Noch in seinen letzten Lebenstagen hat der französische Philosoph an dem Manuskript gearbeitet. Doch dann begriff er, dass die Zeit nicht mehr reichen würde, es zu vollenden. Um Fehl- und Missdeutungen zu vermeiden, verbot der Sterbende jede postume Veröffentlichung. Dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod haben die Erben anders entschieden. „Die Geständnisse des Fleisches“, so der Untertitel, durften erscheinen.

Mit seinen Schriften zum Gefängnis oder zur Psychiatrie hat Foucault Generationen von Akademikern geprägt. Die mehrbändige Studie über Sexualität zielt darauf ab, Mechanismen von politischer Macht offenzulegen, die sich im Sprechen über die Lust verbergen. Foucault deutete etwa die Sexualhygiene des 19. Jahrhunderts als Ausdruck eines staatlichen Bevormundungswillens. In den „Geständnissen des Fleisches“ kommt nun die christliche Sexualmoral auf den Prüfstand. Die formuliert zunächst keinen radikalen Gegensatz zur griechisch-römischen Tradition, denn schon dort wurden Phänomene wie Mäßigung und Enthaltsamkeit erörtert. Dann aber bringen die Kirchenväter das ethische Konstrukt einer Verbindung von Libido und Sünde ins Spiel, woraus Vorstellungen von Reinheit und Beflecktheit resultieren.

Von brennender Aktualität

Nicht zufällig ist das Christentum die erste Religion, die sich als Kirche, also staatsähnlich, organisiert. Eine Pastoralmacht entsteht – mit der Beichte als Zentralinstitution. Hier muss alles raus. Jeder feuchte Traum, jeder begehrliche Blick auf des nächsten Frau, jede unwillkürliche Erektion. Das Reden über den Sex erreicht seine moderne Aufgabe, ein Vehikel der Kontrolle über den Einzelnen zu sein. Big Brother beginnt im Beichtstuhl. Im Gegensatz zu den freieren Urchristen setzen sich in der Spätantike diejenigen durch, die „aus dem Pastorat eine Regierung der Menschen mittels ihrer persönlichen Wahrheit machen wollen.“ Die staatskirchliche Macht packt den Gläubigen bei seinen innersten Geheimnissen. Für Foucault ist die christliche Moral eine „Form der Führung“. Um auf Erden und darüber hinaus selig zu werden will, muss das geständige Fleisch öffentlich Buße tun, sich Geboten unterwerfen.

Von unseren sexuell befreiten Zeiten scheint all das weit weg. Zumal Foucaults zitatlastige Kommentare zu Autoren wie Augustinus oder Tertullian eine recht hartleibige Lektüre darstellen. Historisch wäre zu kritisieren, dass das jüdische Erbe ausgeblendet bleibt. Trotzdem ist der Band von brennender Aktualität. Schließlich endete der kontrollierende Zugriff auf den Eros nicht mit der 68er-Revolution. Die neuen autoritären Systeme der Gegenwart, Jair Bolsonaro in Brasilien oder Viktor Orban in Ungarn, haben das sexuelle Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen wieder als Zielscheibe entdeckt. Die neokonservative Bedrohung richtet sich vor allem gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle, aber auch gegen jene akademische Disziplin, die ohne Foucault nie entstanden wäre: die Gender Studies. Georg Leisten