Stuttgart / Wilhelm Triebold Das Stuttgarter Ballett hat eine Antwort auf Corona und bringt trotzt widriger Bedingungen noch einen Tanzabend vor der Sommerpause heraus. Von Wilhelm Triebold

Ganz Deutschland macht sich locker vorm nächsten möglichen Lockdown: So dürfen bei Dreharbeiten  Darsteller für Kussszenen sich wieder näher kommen, ohne in Quarantäne zu müssen, vermeldet eine Berufsgenossenschaft mit dem schönen Sammelnamen „Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse“. Und in Berlin sind erotische Massagen wieder zulässig. Was sich nachts auf den Straßen und Plätzen abspielt, kann sowieso jeder verfolgen.

Anders sieht’s bei den performativen Künsten aus. Strenge Auflagen und Beschränkungen haben die meisten Häuser bereits resignieren und die Spielzeit beenden lassen. Auch Stuttgarts Staatsschauspiel und die Oper sind bereits via Kurzarbeit ins Sommerloch abgeglitten. Anders dagegen die Ballettsparte: Als einzige große Compagnie in Deutschland wollte Tamas Detrichs Truppe es am Wochenende noch einmal wissen.

19 000 Anfragen

„Response I“ versteht sich als beste Antwort, die der Tanz auf die Coronakrise gibt: Hoppla, wir leben noch! Was kann man eigentlich man noch machen, wenn ab dem Pas de deux aufwärts nichts mehr geht an tänzerischer Annäherung und Körperkontakt, dem A und O des Metiers? Wie viel Tanz darf bleiben im Wörtchen Distanz?

Der Untertitel des Stuttgarter Ballettabends („Something old, something new, something borrowed, something blue“) scheint zuerst eine etwas beliebige Verlegenheitslösung zu versprechen, ein Pandemie-Potpourri, gespeist aus dem Fundus und aus dem Nachwuchspool der jungen Willigen am Haus. Doch dann tritt ein strahlender Intendant vor die auserkorenen 249 Zuschauer, die nach allen strikten Regeln der Abstandskunst über die Ränge und das Parkett im Opernhaus verstreut wurden. Als feststand, dass Stuttgarts Ballett spielen werde, fragten in den ersten Stunden 19 000 Anrufer wegen der Karten nach, freute sich Detrich. Nun sei er „der glücklichste aller Intendanten der Welt“, beseelt von Herzblut und dieser unbändigen „Wir-schaffen-das“-Moral: „Das geht nur, wenn alle zusammenstehen!“

Detrich schickte vorher nicht nur seiner im Home Office verharrenden Compagnie je zwei Quadratmeter Tanzboden ins Wohnzimmer, sondern intervenierte sogar bei Landesvater Winfried Kretschmann, um für seine Spitzentänzer einen ähnlichen Status wie Hochleistungssportler herauszuschlagen. Ein Rotationssystem sorgte dafür, dass nicht nur per Eigeninitiative und Videostream trainiert wurde, Abstandsregeln auf den Proben schrumpften von neun über sechs auf drei Meter – und doch: ein Rest Ferne musste bleiben. Doch Detrich wusste: „Es ist nicht genug, zu trainieren. Ich muss inspirieren und motivieren!“

Es sei „kein Corona-Ballett, sondern ein corona-bedingtes Ballett“ geworden, versicherte Detrich. Und tatsächlich: Der Abend löst ein, wie über Hürden und Hindernisse eine gefühlte Nähe, sowohl untereinander als auch zum Publikum, erzeugt wird. Das ausgedünnte Staatsorchester wurde dazu aus dem Graben in den Bühnenhintergrund verpflanzt und glänzte unter Wolfgang Heinz‘ Leitung sowohl beim sphärischen Accompagnement zu Fabio Adorisios fein austariertem Beziehungsquintett „Empty Hands“ als auch zu Roman Novitzkys ideenreicher Nähpuppen-Annäherung „Everybody needs some/body“.

Adorisio und Novitzky sind als Supernachwuchshelden der so genannten „Fantastischen Fünf“ aus der Ära Reid Anderson (Detrichs Vorgänger saß, wie Vorvorgängerin Marcia Haydée, selbstredend im Publikum), fester Bestandteil der aktuellen Choreografenriege, wie auch der vielseitige Louis Steins, dessen „Petal“ den Abend einleitete.

Als aktiv-kreative Ensemblemitglieder haben die Drei einen sichtlich guten Draht zur Resttruppe, ohne dass sich ihre Uraufführungen gleich an den aufpolierten Perlen des Repertoires messen lassen müssen. Angereichert wurde „Response I“ durch passende ältere wie jüngere Erwiderungen aus der Tanzgeschichte; durch Michel Fokines „Sterbenden Schwan“, in dem Anna Osadcenko graziös dahinsank, durch Hans van Manens beschwingt leichtfüßiges „Solo“ für Drei, und als absoluter Abräumer durch Maurice Béjarts „Bolero“, in einer Kammerversion mit acht statt 38 Begleittänzern, die Publikumsliebling Friedemann Vogel hier wie die Chippendales umkränzen.

Übertragung auf den Wasen

Nachdem Anfang März 120 Ballettangehörige wegen einiger Covid-19-Fälle in zweiwöchige häusliche Isolation mussten, entstand aus dieser Quarantäne ein spielerisch-heiteres Video, das zwischendurch gezeigt wurde: „#westayathome“ zeigt das Ensemble beim Dehnen, Blödeln, Multitasking, Kinderbetreuen oder Lampenauswechseln per Hebefigur. Das einzige Paar, das dann real während des Ballettabends in Körperkontakt tritt (und sich hinterher händchenhaltend verbeugen darf), zählt als gemeinsamer Haushalt: Paula Rezende und David Moore sind diese beiden privilegierten Glücklichen.

Die Premiere, der tags darauf zwei weitere (vorerst letzte) Aufführungen folgten, wurde dank des Nobel-Sponsors Porsche live auf den Cannstatter Kulturwasen übertragen, wo sie bestimmt nochmal 2000 Menschen in ihren geparkten Karossen verfolgten. Großer einhelliger Jubel.

Wie geht’s weiter am Stuttgarter Ballett?

„Response I“ steht wieder vom 17. Oktober an im Repertoire.  Am 30. Oktober folgt mit „Response II“ eine weitere Talentprobe, diesmal von fünf choreografischen  Nachwuchskräften. Am  27. November gibt’s einen Altmeister-Abend („Höhepunkte“) mit Werken von Jiri Kylian und  Roland Petit und wiederum  mit Béjarts  fulminantem „Bolero“. Und am 16. Januar wird John Neumeiers Handlungsballett „Die Kameliendame“ wiederaufgenommen.