London / Marcus Golling Der britische Musiker Mike Skinner meldet sich nach langer Pause mit einem vielfältigen Mixtape zurück.

Mit Anfang 40 schon ein Comeback: Mike Skinner alias The Streets ist wieder einmal früher dran als andere Musikern. An diesem Freitag erscheint „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“, zwar kein echtes Album, sondern nur ein Mixtape, was im Hip-Hop-Sprech eine Vorstufe zum Langspieler meint, aber in diesem Fall ein kleines Ereignis ist: Es markiert die Rückkehr von The Streets auf die große Pop-Bühne – und zeigt Skinner in starker Form und als musikalischen Netzwerker.

Bis zum vorläufigen Ende seines Projekts 2011 erzählte Skinner in seinen Songs im ihm eigenen Pub-Plauderton-Rap von dem ganz normalen Versagen eines „Geezers“, von Liebelei, Sauferei und ein bisschen Rauferei – über Heimwerker-Instrumentals zwischen sentimentalem Pia­no-House, wobbelnder Bassmusik und relaxtem Ostküsten-Hip-Hop. The Streets waren so ziemlich das Originellste, was die 2000er Jahre musikalisch hervorgebracht habe. Dann: schwächere Songs, keine Lust mehr, keine Inspiration mehr, Schluss mit The Streets. Skinner reiste nur noch als DJ durch die Clubs.

Bis 2017, als der Mann aus Birmingham überraschend neue Musik veröffentlichte und im Jahr darauf auch wieder auf Tour ging. Auf diesen erlebte man ihn in seinem Element, so wie 2019 beim Maifeld Derby in Mannheim, wo er – Sekt aus Flaschen trinkend (Bier geht nicht wegen Gluten) – eine positive Lebenseinstellung predigte und vor allem die Tracks seines Debüts „Original Pirate Material“ von 2002 feierte. Sein erstes Album war sein bestes.

„None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ ruft 18 Jahre später dessen Qualitäten in Erinnerung, klingt aber doch frisch – und very british. Durch die Stücke weht das Echo von UK-Garage und Drum & Bass, der Musik von Skinners jungen Jahren, die Pianos klimpern wieder melancholisch, der Bass würgt und dröhnt. Aber Skinner ist nicht allein. Auf jedem Track hat er einen Gast – Prominenz wie die australischen Psychedelic-Rocker Tame Impala (auf dem wunderbaren Opener „Call My Phone Thinking I‘m Doing Nothing Better“) und die englischen Polit-Punk-Wüteriche Idles und einige junge, bisweilen sogar modisch Autotune-getunte Rap-Kollegen.

Zur Feature-Parade wird das Mixtape dennoch nicht: Der Input steht der Musik von The Streets, die trotz Retro-Ten­denz nicht aus der Zeit gefallen ist. Skinner hingegen schon ein wenig, in den Texten wundert er sich mit seinen Gästen über Smartphone-Ab­hängigkeit und Verschwörungstheorien – und landet immer wieder beim Zwischenmenschlichen. Sehr gut, sehr lebendig. Marcus Golling