Stuttgart / Jana Zahner Podcasts boomen. Während der Corona-Krise haben Kultureinrichtungen wie das Literaturhaus Stuttgart eigene digitale Audioformate entwickelt – auch für die Zeit nach der Pandemie. Von Jana Zahner

Im Auto, beim Joggen, oder zum Einschlafen: Podcasts werden als Unterhaltung für nebenbei immer beliebter. Auch Kultureinrichtungen im Land haben die digitalen Audiobeiträge in den vergangenen Monaten für sich entdeckt. Denn Lesungen, Vorträge und Diskussionen mussten während des Lockdowns ausfallen, eignen sich aber als Stoff für Podcasts. Die Veranstaltungsflaute verschaffte vielen Kulturschaffenden Zeit, sich mit dem Medium zu beschäftigen.

„Der Lockdown war der Schubs“, sagt Stefanie Stegmann, Leiterin des Literaturhauses Stuttgart. Schon vor Corona habe man an einem Konzept gearbeitet. „Podcasts sind das Radio für die junge Generation“, sagt die promovierte Kulturwissenschaftlerin. Für die Aufnahme braucht man anders als beim Rundfunk kein professionelles Studio; es genügt, wenn alle Sprecher ein Aufnahmegerät mit Mikrofon besitzen und Störgeräusche vermeiden. Das Gespräch kann telefonisch oder per Videokonferenz geführt werden und wird danach zusammengeschnitten – ebenfalls ein Vorteil in der Corona-Krise.

Seit Mai moderiert die bei Heidelberg lebende Lyrikerin Carolin Callies den Podcast „Flausen“ des Literaturhauses Stuttgart – zu Gast waren schon Clemens J. Setz, Max Czollek und Ulrike Almut Sandig. Die serielle Produktion ist ein Lernprozess für die Einrichtungen: Der Ton ist nicht immer optimal. Doch das Unperfekte, Improvisierte macht das Medium aus. In der ersten Folge „Flausen“ hört man mehrfach Setz’ Bart am Mikrofon rascheln.

Eines stand für die Literaturvermittlerin von vornherein fest: „Wir wollten nicht einfach das Büchervorstellen ins Netz verlegen“, sagt Stegmann. Das übernehmen Live-Streams von Lesungen. Statt Neuerscheinungen steht der Autor selbt im Mittelpunkt der monatlich erscheinenden Folgen – und wie aus Einfällen, also „Flausen“, Literatur wird.

Auch zeitlich (eine Folge dauert etwa 40 Minuten) und in seinem spielerischen Charakter unterscheidet sich der Podcast von Veranstaltungen im Literaturhaus. Callies lässt ihre Gäste Quizfragen erwürfeln, zum Beispiel: „’Eine Scheibe Dingsbumms’ – ist das ein Gedichtbuch von Oskar Pastior oder ein Spruch von Alf dem Außerirdischen?“ Die Fragen trennen nicht zwischen Hoch- und Popkultur und sollen „antriggern, was wesentlich für das Schreiben des Autors ist“, erklärt Stegmann. Bekannte und eher unbekannte Autoren wechseln sich ab. Auf diese Weise könne man auch Newcomer präsentieren, die nicht unbedingt einen ganzen Saal füllen würden. „Flausen“ solle keine Lücke füllen, sondern über die Pandemie hinaus fortbestehen.

Einige Museen nutzen Podcasts, um aktuelle Sonderausstellungen zu vertiefen: So auch Volontärinnen des Badischen Landesmuseums, die unter dem Titel „Humanimal to go“ sechs Folgen rund um kulturhistorische Fragen der Mensch-Tier-Beziehung produziert haben. Christian Müller und Jonas Bolle vom Kollektiv „Citizen.Kane“ nähern sich per Podcast für die Ausstellung „Du lebst nur keinmal“ in der Staatsgalerie Stuttgart den Künstlern Heide Stolz und Uwe Lausen.

Zukunft ist ein häufiges Thema

Corona hat die Digitalisierung von Kultureinrichtungen insgesamt gewaltig vorangetrieben – eine Entwicklung, die viele neue Podcasts beschäftigt. Zum Beispiel „Kunstgedanken“ der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Pressesprecher Florian Trott diskutiert mit Gästen aus Politik und Kultur Ideen für Museen.

Visionen sind ebenfalls Thema in „Verändern. Zukunft Made in Baden-Württemberg“, dem Podcast der Baden-Württemberg-Stiftung. Das alle zwei Wochen erscheinende Format behandelt eine große Bandbreite an Themen – von Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft bis hin zur Kultur. Unter den sieben bisher erschienenen Episoden ist ein Gespräch mit Christiane Riedel, Geschäftsführerin des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe (ZKM). Seit mehr als 30 Jahren überführt das ZKM klassische Künste ins digitale Zeitalter – und kann damit folgende Frage besonders gut beantworten: Machen sich Kultureinrichtungen durch meist kostenlose digitale Angebote als Erlebnisräume überflüssig? „Wir gehen davon aus, dass je attraktiver ein virtueller Besuch ist, umso mehr auch ein realer Besuch wünschenswert wird“, sagt Riedel über das ZKM. Auch Stefanie Stegmann glaubt nicht, dass Podcasts und Livestreams eine Konkurrenz für Lesungen im Literaturhaus darstellen. So bequem der Podcast als Unterhaltung für nebenbei auch ist: „Es gibt ein genuines Bedürfnis der Menschen, zusammenzukommen.“

Mehr als ein Viertel aller Deutschen hört Podcasts

Bei einer Statista-Umfrage von 2019 gaben 26 Prozent der befragten Deutschen an, Podcasts zu hören. Dabei handelt es sich um Audiobeiträge, die statt über Radio online bei Anbietern wie Apple Podcasts, Spotify und Deezer oder auf den Webseiten der Produzenten abgerufen werden.