Ulm / Georg Leisten In ihrem Tagebuch nimmt die Punk-Ikone den Leser mit auf eine Albtraumreise durch Amerika.

Die Konzertkarten für die Deutschlandtournee waren schon gedruckt, doch dann spülte die Corona-Welle alle Termine aus dem Kulturkalender. Zumindest auf deutschen Bühnen wird Patti Smith in diesem Sommer nicht zu hören sein. Aber wenigstens bekommen wir von der Punk-Ikone etwas Neues zu lesen.

Schon immer hat die US-Sängerin neben ihrer musikalischen Karriere Gedichte und Prosatexte verfasst. Private Lebenserinnerungen erweitern sich darin ähnlich kraftvoll ins Allgemeingültige wie in ihren besten Liedern. Auch das aktuelle Buch der 73-Jährigen schildert einen harten persönlichen Einschnitt: Ihr langjähriger Wegbegleiter, der Produzent und Songtexter Sandy Pearlman, liegt nach einer Hirnblutung im Sterben. Smith selbst blickt mit zwiespältigen Gefühlen ihrem 70. Geburtstag entgegen. Es ist 2016, im chinesischen Kalender das „Jahr des Affen“, und Smith entwickelt in dem danach betitelten Tagebuch eine ganz eigene Sicht auf jene zwölf Monate, die für Amerika, ja für die gesamte Welt, eine Zeitenwende signalisierten.

Den Namen Donald Trump auszuschreiben, vermeidet  Patti Smith, nur einmal wird sie deutlich und nennt ihn den „unerträglichen gelbhaarigen Hochstapler“. Gleichwohl ist der in jenem Jahr zum US-Präsidenten gewählte Immobilienmogul auf jeder Seite des Bandes präsent.  In tequilagetränkten Bargesprächen über „die verdammte Mauer“ an der mexikanischen Grenze ebenso wie im Großbildfernseher, wo „die schreckliche Seifenoper namens amerikanische Wahl“ läuft.

Nicht zufällig beginnt die Chronik der unheilvollen Ereignisse im kalifornischen Santa Cruz. Sind es doch vor allem die subjektiven Pfade des Traums, auf denen Patti Smith durch ihr Amerika reist. Noch einmal beschwört sie dabei verstorbene Weggefährten und die Tage mit dem ebenfalls todkranken Ex-Geliebten, dem Schauspieler Sam Shepard. Glückliche Tage!

Die Angstgespenster der Patti Smith dagegen kommen nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart. Wortgewaltig malt sie dem Leser ihre nächtlichen Horrorvisionen aus. Von heraufziehenden Umweltkatastrophen oder von der unheimlichen Amtseinführung eines Kaisers, der keine Kleider hat. Genau dieser wache, aus dem Albtraumdunkel herausflackernde Gegenwartsbezug bewahrt das Buch davor, sich in zweidimensionaler Biografiearbeit zu verlieren.

Mit der aufgewühlten Stimmung kurz vor und nach der US-Wahl erklärt das politische Psychogramm auch den vielleicht größten Bühnenpatzer in der Karriere der Songpoetin. Ausgerechnet bei der Nobelpreisverleihung an Bob Dylan im Dezember 2016 versagte für einen verstörend langen Augenblick ihre großartige Stimme. „A Hard Rain‘s A-Gonna Fall“ – der Titel des Dylan-Songs, den die Sängerin zu Ehren des abwesenden Kollegen in Stockholm vortrug, hätte nicht prophetischer sein können. Starkregen droht. In Smiths eigenen Worten lautet die Bilanz des Affenjahrs so: „Es passierte viel Schlimmes, aus dem noch Schrecklicheres entstand.“

Georg Leisten