Ulm / Jürgen Kanold Ja, es ist möglich, und es ist ein großartiges Erlebnis: Das Staatsorchester Stuttgart spielt unter Leitung von Cornelius Meister Beethoven-Sinfonien im Beethovensaal der Liederhalle – live. Von Jürgen Kanold

Auch der Italiener neben der Liederhalle freut sich über die Konzerte. Endlich wieder Gäste, wenn auch nicht viele, die sich vorab mit Antipasti und einem Glas Wein stärken. Im Foyer verlieren sich die Besucher. Ausverkauft heißt: keine 2100 Menschen, sondern nur knapp 100. Aber es ist ein Ereignis in diesen Corona-Zeiten: Ein Orchester spielt eine Sinfonie, und zwar live. Doch, das gibt’s wieder, auf jeden Fall in Stuttgart, wo Cornelius Meister, der Generalmusik­direktor der Staatsoper, sich nie von der Pandemie hat entmutigen lassen. Und es ist großartig, dabei zu sein und zu erleben, wie Musik tatsächlich gemacht wird, wie Klang entsteht und einen die Aktion mitreißen kann.

Nah dran

Balkonkonzerte oder auch die „1:1 Concerts“ (ein Musiker, ein Zuhörer): Stuttgart war immer vorne dabei. Und schon Ende Mai hatte Meister „Konzerte gegen Corona“ versprochen, seit Mitte Juni dirigiert der 31-Jährige etwa einen Zyklus mit allen „Corona-kompatiblen“ Beethoven-Sinfonien – also außer der Neunten, die für die „Ode an die Freude“ Chor und Vokalsoli bedarf. Wie sich freilich die Zeiten ändern und unterschiedliche Länder auf unterschiedliche Hygieneauflagen pochen, zeigt die Praxis in Österreich: Dort haben die Salzburger Festspiele für August drei Mal Beethovens 9. Sinfonie angekündigt, mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Staatsopernchor unter Riccardo Muti . . .

Niemand kennt sich mehr aus im notleidenden Klassik-Gewerbe: Was ist erlaubt, was geht? Corona trennt in Mutige und Verzagte, Macher und Ratlose. Dazu kommt in Deutschland die föderale Bürokratie. Auch das Geld spielt eine Rolle. So hat die GMD- und Chefdirigenten-Konferenz, deren Vorsitz der Heidenheimer Opernfestspielchef Marcus Bosch innehat, kürzlich in einem Schreiben unter dem Titel „Bordell ja, Bohème nein?“ eine erkennbare Plausibilität der Entscheidungen von Politik und Behörden gefordert. „Absurd auch der Zwang vieler Theater und Orchester, lieber aus haushalterischen Gründen Kurzarbeit zu beantragen als zu spielen.“ Klar: Das Spielen müsse das Primat haben.

Die Staatstheater Stuttgart dagegen sind gut versorgt, das Staatsorchester war nie in Kurzarbeit – spielt aber auch. Und entdeckt neue Konzertformate. Riesenhafte Mahler- und Bruckner-Sinfonien, nein, das geht nicht. Aber Beethoven im Beethovensaal. Und das heißt: Ein knapp 40-köpfiges Staatsorchester sitzt nicht auf der Bühne, sondern im Parkett, der Abstand zwischen den einzelnen Musikern beträgt mindestens drei Meter, und das Publikum bildet davor einen Halbkreis.

Es beeinflusst zweifelsohne die Akustik, ob der Beethovensaal voll oder nur rudimentär besetzt ist: ein voluminöser, lange nachhallender Klang. Andererseits hört man – derart nah dran an den Akteuren – jeden einzelnen Kratzer der 2. Geigen. Es ist wie Kammermusik – und für die glücklichen Kartenbesitzer ein viel stärkeres Erlebnis als sonst. Jeweils eine Sinfonie steht auf dem Programm, wobei Meister zunächst mit Klangbeispielen das Werk erklärt (die rund einstündigen Konzerte sind schon lange ausverkauft, Auskunft über mögliche Restkarten: Tel. 0711/ 20 20 90).

Am Mittwochabend war’s jetzt die virtuose Vierte von 1806 mit dem innig-verliebten Adagio. Ein zupackendes Staatsorchester mit fein ausmalenden Holzbläsern – und ein höchst animierender Dirigent. Wie früher. Nur dass Cornelius Meister jetzt Vollbart trägt wie ein spätromantischer Virtuose des 19. Jahrhunderts und zum Applaus mit Mund-Nasen-Schutz durch den Saal eilt.

SWR Symphonieorchester mit Currentzis

Im September kehrt auch das SWR Symphonieorchester auf die öffentliche Bühne zurück. Mit Konzerten unter Leitung von Chefdirigent Teodor Currentzis beginnt die Spielzeit am 17. und 18. September in der Stuttgarter Liederhalle. Auf dem Programm stehen Werke aus Barock und Gegenwart, darunter Schuberts „Winterreise“ in der Interpretation Hans Zenders. Auch Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist mit dabei. Der Kartenvorverkauf beginnt am 1. September. Wegen der Hygienevorgaben werden neue Saalpläne erstellt für eine deutlich verringerte Zuhörerzahl, die Abonnements werden zunächst ausgesetzt, einen Teil der (pausenlosen) Konzerte spielt das SWR Symphonieorchester in der kommenden Saison zweimal pro Abend.