Angeblich ist Maria Callas am 16. September 1977 in ihrer Wohnung in der Avenue Georges Mandel Nr. 36 in Paris gestorben. Mit nur 53 Jahren, an gebrochenem Herzen. Aber auch Elvis Presley, schwacher Vergleich, soll ja noch leben.

Die Callas ist die Göttin der Oper – ein Mythos. Nun beglaubigt auch Marina Abramovic in München die Unsterblichkeit der Jahrhundertsängerin. Wobei die Performance-Künstlerin selbst sich mindestens halbgöttlich feiert: „7 Deaths of Maria Callas“ heißt das Opernprojekt von und mit der 73-jährigen Serbin. Sieben Arien lang liegt die Abramovic live, aber regungslos im Bett auf der Bühne des Nationaltheaters, während Filme ablaufen, in denen sie die großen Operntragödinnen wie Violetta, Carmen oder Lucia spielt – Partien, in denen die Callas einst ihre unvergleichliche Kunst demonstriert hatte.

Dann aber steht Abramovic auf, reißt das Fenster auf, damit Licht ins nachgebaute Sterbezimmer der Primadonna assoluta flutet – sie verschwindet durch die Wand, um in goldener Robe wiederzukehren. Eine Auferstehung – die echte Callas singt dazu gewissermaßen aus dem Jenseits die Partie ihres Lebens, das „Casta Diva“ der Norma (die knisternde Aufnahme von 1954), bis das Tonband abbricht.

„Ich kenne keine Grenze zwischen meiner Kunst und meinem Leben“, sagt Marina Abramovic. Und, ja, auch sie sucht mit ihrem Körper das Risiko, hatte eine strenge Mutter, die ihre Karriere vorwärtstrieb, litt an Liebesschmerz – und ähnelt verblüffend der jungen Callas (dominante Nase!), als diese sich noch nicht glamourös superverschlankte. Wenn sie in Griechenland im Restaurant etwas bestelle, erzählt Abramovic, gebe man ihr kostenloses Essen und sage: „Marina, du sieht aus wie Maria.“ Na ja, aber mehr Kult und Hingabe geht nicht in der sowieso kultischen Oper.

Im Jahre 2010 hatte Marina Abramovic 721 Stunden lang im New Yorker Museum of Modern Art an einem Tisch gesessen, jeweils einem Besucher gegenüber, und hatte ihnen in die Augen geschaut: wortlos, durchdringend. „The Artist is Present“ hieß diese Aktion, auf die sich in den ersten Corona-Monaten die Musiker der Stuttgarter Orchester in ihren 1:1-Konzerten bezogen. Eine musikalische Konfrontation in kürzester (gleichwohl sicherer) Distanz. Vor weit mehr Menschen, aber auch nur 500 erlaubten Zuschauern im Münchner Nationaltheater, ist die Performance-Diva jetzt in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper gegenwärtig – adaptiert, eingefangen aber vom regulären Musiktheater-Betrieb. Es ist keine Provokation, kein Happening: aber eine eindrucksvolle Hommage.

Die Uraufführung war für Ostern geplant gewesen, dann kam der Lockdown. Als reines Streaming wäre „7 Deaths of Maria Callas“ undenkbar gewesen: „Ohne Publikum kann ich nichts machen. Ich brauche dessen Energie“, sagt Abramovic – aber darin unterscheidet sie sich nicht von den Theatermachern. Mit dieser Premiere strahlte auch die Bayerische Staatsoper ein Lebenzeichen aus.

Die Videos sind fantastische Kunst über Frauenschicksale in der Oper, eingeleitet von Texten, die Marina Abramovic spricht. Tosca etwa springt nicht von der Engelsburg, sondern vom Wolkenkratzer: „Nein, es ist nicht gefährlich zu fallen. Erst wenn du landest, wird es gefährlich.“ Grandioser Partner in den Filmen ist Willem Dafoe.

Es sind sieben unterschiedliche Tode, sieben Sterbeszenen, zu denen sieben verschiedene Sängerinnen live die Arien singen – auch „Casta Diva“ auf dem Weg in die Flammen des Scheiterhaufens. Das Bayerische Staatsorchester spielt unter Yoel Gamzon nicht nur (etwas arg romantisch-zeitlupenhaft) die Musik von Bellini, Verdi oder Puccini, sondern auch in der finalen Apotheose eine moderne empathische Komposition von Marko Nikodijevic: so leuchtend himmlisch wie leidenschaftsvoll brutal. Maria Callas lebt – aber vor allem auch Marina Abramovic.

500 Plätze im Nationaltheater


Eigentlich erlaubt Bayern nur 200 Personen bei Kulturveranstaltungen, in einem vierwöchigen Pilotversuch von Kunst- und Gesundheitsministerium aber sind jetzt in den Vorstellungen der Bayerischen Staatsoper 500 Zuschauer zugelassen. Die saßen in der Premiere von „7 Deaths of Maria Callas“ unterschiedlich verteilt im 2100 Plätze bietenden Münchner Nationaltheater: mal relativ dicht im Parkett, dann blieb wieder eine Reihe komplett frei, die Ränge waren eher dünn besiedelt.

Am Samstag, 5. September,18.30 Uhr, zeigt die Bayerische Staatsoper die 95-minütige Abramovic-Aufführung kostenlos im Internet: auf staatsoper.tv