Heidenheim / Jürgen Kanold In Heidenheim dirigiert Festivalchef Marcus Bosch nicht gerade einen Open-Air-Klassiker, aber „Pique Dame“ klingt auf dem Schlossberg erstklassig. Von Jürgen Kanold

Es ist eine sehr russische und sehr spätromantische Oper von Peter Tschaikowsky mit ziemlich viel „Pathètique“. „Pique Dame“ ist eine tödliche Liebesgeschichte: Schicksal, Aberglaube, Spielsucht. Klingt nach glutvoller Leidenschaft in den Menschenseelen – und auch irgendwie nach klirrender Kälte und prasselndem Kaminfeuer. Bei den Heidenheimer Opernfestspielen aber hat die Open-Air-Saison begonnen: Es war ein wunderbarer Premierenabend im Rittersaal der Schlossruine. Sommerhitze am Freitag wie in Verona, nur ohne Verdi.

Marcus Bosch, der seit zehn Jahren die Opernfestspiele leitet und das Festival weit nach vorne in die nationale Aufmerksamkeit dirigiert hat, zog schon so manches Ass aus dem Ärmel. „Pique Dame“ ist jetzt eine mutige Wahl, aber auch diese Opernproduktion besticht – wenngleich so mancher Zuschauer die Bravour-Arie vermisst. Die Qualität jedenfalls stimmt – der teuerste Platz kostet in Heidenheim ja mittlerweile auch bis zu 100 Euro. Wobei ein ausgeklügeltes Sponsorenkonzept das Festspielbudget erheblich mitfinanziert. Bosch ist derart gut vernetzt mit der örtlichen Weltfirmenwelt, dass das Defilee der Gönner den Premierenbeginn um eine Viertelstunde verzögerte – selbst in Bayreuth kommt keiner mehr rein, wenn die Stunde geschlagen hat.

Lyrisches Kammerspiel

Das Besondere auf Schloss Hellenstein: Das Orchester – und das sind seit 2013 die Stuttgarter Philharmoniker – spielt draußen naturbelassen, unverstärkt. In lauen, windstillen Nächten ist das ein faszinierendes Erlebnis. Auch deshalb, weil Bosch kein Dirigent ist, der mit dem Pathos-Pinsel über die Partitur wischt oder der den Klang um des Effekts willen zurechtbiegt, sondern die Details eines Musikdramas untersucht und offenlegt. So beeindruckte „Pique Dame“ als lyrisch-emotionales Kammerspiel. Jedes Bläser-Solo ein Statement der Gefühle, jede Streicher-Emphase ein Kommentar. Nur die Martinshorn-Notfalleinsätze, die aus der Stadt hochdringen, tönen grell.

Das Ensemble hat gutes Niveau – bis auf George Oniani in der Hauptpartie des Hermann: Der Georgier nämlich singt mit internationaler Klasse. Eine wunderbar helle, kernige italienische Tenorstimme fürs russisch-sentimentale Fach: tolle Kombination. Bewegungstechnisch tritt Oniani eher als Statue auf, was in dieser Inszenierung von Tobias Heyder durchaus passt. Der Offizier Hermann ist kein Held, sondern der depressive Außenseiter von Beginn an, der geborene Verlierer: kein Glück in der Liebe bei Lisa (Karina Flores) und überhaupt kein Glück im Spiel.

Regisseur Heyder lässt das Werk sich weitgehend in Ruhe entfalten. Das Bühnenbild: sechs Türen, dazu links Lisas Jugendzimmer mit Bett, rechts Hermanns Kammer. Ein Mädcheninternat (aufgekratzt der Tschechische Philharmonische Chor Brünn) mit der Gräfin (Roswitha Christina Müller) als einer gespenstischen Gouvernante. Für den armen Hermann jedenfalls bleiben die Türen in die Welt verschlossen.

Heidenheim lädt ansonsten ein. Wer nach der Premiere in die Nacht hinaustrat, hörte auf dem Schlossberg, ein paar hundert Meter weiter, Klänge der „West Side Story“. Das Naturtheater Heidenheim, ein Amateurtheater-Verein, der seit 100 Jahren besteht, zieht auf seiner Freilichtbühne mit anspruchsvollen Auffführungen jährlich fast 50 000 Menschen an. Ziemlich theaterbesessen, diese Heidenheimer.

„Ernani“ im Festspielhaus

Im Rittersaal von Schloss Hellenstein, der stimmungsvollen Freilichtbühne, steht „Pique Dame“ noch am 12., 13., 17., 19. 25. und 27. Juli auf dem Programm (bei schlechtem Wetter im Festspielhaus). Ein Markenzeichen der Heidenheimer Opernfestspiele ist zudem die Aufführung der frühen Opern Giuseppe Verdis in chronologischer Reihenfolge: In diesem Jahr führt Marcus Bosch mit dem Festspielorchester Cappella Aquileia „Ernani“ auf: Premiere ist am 18. Juli im Festspielhaus/Congress Centrum. Weitere Infos und Karten: www.opernfestspiele.de