Stuttgart / Otto Paul Burkhardt Das Stuttgarter Neue-Musik-Treffen Eclat feiert im Theaterhaus den 40. Geburtstag mit vielen Konzerten.

1980 fing alles an, damals noch unter dem Namen „Tage für Neue Musik“. 1997 entschied man sich für den weniger braven Titel „Eclat“. Jetzt feiert das Neutöner-Treffen 40. Geburtstag – mit vielen Kooperationen: Die Staatsoper und das Theater Rampe sind dabei, die Schweizer Kulturstiftung und weitere Partner. Auch Laienensembles mischen mit, die Stadtkapelle Lahr etwa. Wohin geht die Neue Musik? Sie ist wieder politischer geworden, wenn auch spielerisch, subtil. Nehmen wir Thomas Kesslers Vertonung von „Avenidas“, jenem Gedicht über Alleen, Blumen und Frauen, das aus Correctness-Gründen von einer Berliner Fassade entfernt wurde. Yuko Kakuta (Sopran) und Yukiko Sugawara (Klavier) machen daraus ein feines Vokalexperiment irgendwo zwischen Bebop und Opern-Fortissimo.

Im Fokus des Festivals stand der Komponist Sergej Newski, dessen „Secondhand-Zeit“ Teil der Staatsopern-Produktion „Boris“ ist. Newskis „Votre MM“ etwa ist eine schillernde, eindringliche Vertonung der letzten Briefe von Maria Skobzowa, die jüdischen Flüchtlingen half und im KZ Ravensbrück ermordet wurde.

„Richtig auf die Fresse“

Zum Eclat-Profil gehört auch Musiktheater. „Frame“, ein 75-Minuten-Abend von Malte Giesen, kommt im Gestus eines „Making of“-Trailers daher und  lässt die Interpreten (Neue Vocalsolisten, ensemble ascolta) mal gespenstisch in Bühnennebel, mal showmäßig auf rotem Teppich auftreten. Mit Ironie führt Giesen Neue-Musik-Klischees von „ziemlich knäckebrotig“ über „kein normaler Ton“ bis „richtig auf die Fresse“ vor. Die Videotechnik erinnert an Simon Steen-Andersen, die gefilmte Unterwasser-Action an jüngste Gags in Donaueschingen – doch schnell tritt das Ganze als diskurshaft aufgehübschte und dennoch leer wirkende „Rahmenhandlung“ auf der Stelle. Ganz anders zur Sache geht das Konzert der schwedischen Curious Chamber Players, deren elektroakustischer Sound bei Stücken von Hanna Hartman und Malin Bång trotz aller Schärfe auch meditative Phasen birgt.

Schließlich am Samstag das SWR Symphonieorchester unter Michael Wendeberg. Ein gewaltiges Panorama tut sich da auf: Ein großes Vibrieren bei Ashley Fure, ein luftiges Flirren bei Fabiá Santcovsky und bei Turgut Erçetin ein geschichtetes Werk, das auch von kulturellen Verwüstungen und Überbauungen erzählt. Im Feld dieser Geräuschmusik wirkt György Kurtágs Hommage zum 90. Geburtstag von Pierre Boulez (2015) wie Musik aus einer anderen, vergangenen Zeit – klangsatt, dunkel, geheimnisvoll. Otto Paul Burkhardt