Dortmund / Merle Hilbk Welchen Informationen können wir trauen in diesen Zeiten? Ein Gespräch mit einem Wissenschaftsjournalisten.

Zuverlässige Informationen sind in Pandemie-Zeiten ebenso wichtig wie ein funktionierendes Gesundheitssystem, sagt Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund. Der Leiter des Projektes
medien-doktor.de und ehemalige Medizinredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ hofft, dass uns die Krise zeigt, warum wir auf klassischen Journalismus nicht verzichten können. Ein Gespräch mit dem 50-Jährigen darüber, wie man seriöse von unseriösen Informationen unterscheidet, Reizüberflutung vermeidet – und ob der Staat Medien in der Krise stützen soll.

Herr Wormer, wie kann man sich am besten zu Corona informieren?

Holger Wormer: Sie sollten sich von der Fülle an Informationen, die im Moment auf Sie einprasseln, nicht verunsichern lassen. Diese Fülle hat damit zu tun, dass die Situation so neu und so unbekannt ist.  Und da wollen viele einfach ihr Wissen und ihre Ideen einbringen, um sie zu bewältigen – und sich versichern, dass man nicht allein ist. Das ist ganz einfach Kommunikation. Aber da sich die Situation selbst dauernd verändert, ist einfach auch der Informationsbedarf enorm hoch.

Wie kann ich beurteilen, ob eine Information seriös ist?

Indem man sich zunächst mit der Quelle, dem Medium, das sie verbreitet, beschäftigt. Man sollte sich fragen: Wer steckt dahinter, wessen Interessen vertritt es? Es gibt jetzt viele, die sagen: Ich verlasse mich allein auf die Webseite des Robert-Koch-Institutes. Da arbeiten die wissenschaftlichen Fachleute. Das ist richtig. Aber das Robert Koch-Institut ist eine Bundesbehörde, und die hat – auch – einen politischen Auftrag. Das heißt: Man sollte sich in jedem Fall über verschiedene seriöse Kanäle informieren, um einen Vergleich zu haben. Gerade im Netz schreibt einer oft ungeprüft vom anderen ab, und so werden Falschinformationen ewig weiterverbreitet. Wir haben auf unserer Projektseite medien-doktor.de eine Checkliste zusammengestellt, wie man Gesundheitsinformationen in den Medien systematisch prüfen kann.

Welche Medien würden Sie jetzt nutzen?

Wissenschaftliche Institutionen, die die neuesten Entwicklungen jetzt sogar per Blog oder Video bekannt geben. Dazu dann die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Fernsehen oder Hörfunk. Und auf jeden Fall eine Zeitung. Bei deren Wahl besinnt man sich vielleicht gerade jetzt wieder auf Marken. Das ist wie beim Einkaufen: Man orientiert sich an einem Namen, der für einen bestimmten Qualitätsstandard steht.

Aber viele kaufen doch generell gar keine Zeitung mehr. Gerade von Jüngeren heißt es oft: Alles, was ich wissen will, finde ich kostenlos im Netz, die Qualität der klassischen Medien habe doch ohnehin nachgelassen.

Journalisten stehen, wie viele anderen Branchen im globalisierten Kapitalismus, oft unter Zeit- und Konkurrenzdruck. Aber die Krise sollte uns daran erinnern, dass wir die klassischen Medien brauchen. Denn in deren Redaktionen werden Informationen nach festen Regeln überprüft, strukturiert und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. Das ist ein komplexes Handwerk, das Erfahrung und Wissen erfordert und das Risiko von Fehlern zumindest minimiert. Überlegen Sie, was Sie machen würden, wenn jetzt niemand für Sie die Informationen von überall einordnen würde! Da würde sich die Stimmung ganz schnell aufschaukeln. Deswegen hat der Journalismus jetzt mehr denn je – genau wie das Gesundheitswesen – eine systemrelevante Funktion.

Der Staat fängt Kulturinstitutionen auf und unterstützt Wirtschaftsunternehmen und Selbstständige. Wie soll er mit Zeitungen verfahren?

Ich bin dafür, dass der Staat auch journalistische Medien stärker stützen darf und das nicht nur im extremen Notfall. Das ist für viele ein scheinbarer Luxus, den wir uns leisten sollten. Allerdings muss man das gesetzlich so regeln, dass der Staat dadurch nicht Einfluss auf die Berichterstattung nehmen kann, beispielsweise durch ein Drittmittelsystem wie in der Forschungsfinanzierung.

Viele Kulturveranstaltungen laufen jetzt im Netz. Wird das Kulturleben nach der Krise digitaler werden?

Ich denke, dass dafür die technische Infrastruktur noch nicht ausreicht. Die Frage ist auch: Ist das wünschenswert? Ich hoffe, dass wir nun trotz der wohltuenden Ablenkung durch die virtuellen Kulturangebote feststellen, wie wichtig die persönlichen, die überraschenden Begegnungen im Theater, im Konzert, bei einer Lesung sind. Kultur ist auch etwas Körperliches, das man mit allen Sinnen erfährt. Merle Hilbk

Hunger nach Informationen

Medien in Deutschland verzeichnen in der Corona-Krise eine deutlich erhöhte Nachfrage nach News-Angeboten. Die Zugriffszahlen auf Online-Angebote von überregionalen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen schnellen derzeit nach oben, wie der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) mitteilte. Auch TV-Sender verzeichnen ein gestiegenes Interesse an Nachrichtenformaten. VDZ-Hauptgeschäftsführer Stephan Scherzer sagte über die erhöhte Nachfrage: „In Krisenzeiten zeigt sich der besondere Wert vertrauenswürdiger Informationen journalistischer Pressemarken auf allen Kanälen.“ dpa