Tübingen / Von Jürgen Kanold Der Hölderlinturm in Tübingen ist zum 250. Geburtstag des Dichters neu gestaltet worden. Seine Sprache lässt sich dort spielerisch erfahren. Von Jürgen Kanold

Ein kleiner Tisch steht da, auf den Friedrich Hölderlin eingeschlagen haben soll, wenn er „Streit hatte mit seinen Gedanken“. Er hämmerte das Versmaß. Das dürfen jetzt auch die Besucher – im wahrsten Sinne die „Aussicht“ genießend, in Hebungen und Senkungen: „Der off’ne Tag ist menschenhell mit Bildern“. Der vor 250 Jahren in Lauffen geborene Hölderlin schrieb das Gedicht in diesem Turm in Tübingen, in dem er 36 Jahre lang bis zu seinem Tod 1843 lebte. Dieser „Hölderlinturm“ am Neckar ist jetzt wieder mehr als ein Erinnerungsort: ein Museum, auch ein Sprachlabor samt wunderbarem Garten.

Zwischen Genie und Wahnsinn liegen in Tübingen, grob gesagt, nur 130 Meter. Im Stift wurde dieser große deutsche Poet zunächst zum Geistlichen ausgebildet, er wohnte mit Hegel und Schelling auf einer Stube, entfloh jedoch der „Galeere Theologie“, um zu schreiben: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“, heißt Hölderlins berühmtester Satz. Dann kam er 1806 wieder zurück, als „geisteskrank“ eingeliefert in die Authenriethsche Klinik; nach sieben Monaten erklärte der Arzt ihn für unheilbar, bat aber den Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer, den Todkranken noch gegen Kost und Logis bei sich aufzunehmen.

Hölderlin war „wundgerieben an den Verhältnissen“, wie Thomas Schmidt vom Marbacher Literaturarchiv sagt, der Kurator der neuen multimedialen Dauerausstellung. Die freiheitlichen Hoffnungen nach der Französischen Revolutionen hatten sich ebenso zerschlagen wie seine literarischen Ambitionen; seine große Liebe Susette Godard, „Dio­tima“, war gestorben.

Selbstverständlich geht es im Turm auch um die Frage: „Isch der Hölderlin verruckt gwä?“ 1801/1802 begann die Lebenskatastrophe des schwäbischen Weltliteraten, 1805 diagnostizierte ein Dr. Müller Hypochondrie, Wahnsinn, Raserei. Das Gutachten ersparte Hölderlin einen Hochverratsprozess und damit das Schicksal seines Freundes Isaak von Sinclair. Was den Germanisten Pierre Bertaux in den 1970er Jahren zu der These antrieb, dass der als Republikaner denunzierte Hölderlin sich als „edler Simulant“ ausgegeben habe, um nicht eingesperrt zu werden: „Irrsinn als Maske“. Oder hatte er sich, in der Seele tief verletzt, in ein inneres Asyl zurückgezogen? Oder war Autenrieth Schuld am Zustand Hölderlins, wie 2017 der Mediziner Reinhard Horowski ausführte: Der Dichter sei aufgrund einer falschen Behandlung mit Medikamenten geradezu vergiftet worden.

Eine tragische Biografie. Und die rührende Geschichte eines Schreiners, der den „Hyperion“ gelesen hatte und sich um den verehrten Hölderlin sorgte. Zimmer konnte gut mit ihm, glaubte an ihn: „Sein dichterischer Geist zeigt Sich noch immer thätig“, berichtete er. „Aussicht“ ist eines jener 48 überlieferten „Turmgedichte“: „Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen/ Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen“. Mit Scardanelli unterzeichnete Hölderlin, und mit absurden Jahreszahlen.

Hölderlin ließ kaum jemanden an sich heran, grüßte Gäste etwa mit „Eure Majestät“. Gustav Schwab, Eduard Mörike, vor allem Wilhelm Waiblinger, sein erster Biograf, kamen vorbei. Nach Zimmers Tod pflegte dessen Tochter Lotte den schwermütigen Dichter. Bis 1865 blieb das Haus im Besitz der Familie, dann wurde dort eine Badeanstalt betrieben – und 1875 brannte alles ab.

Ja, der Hölderlinturm ist nur ein Nachbau. Aber schon lange Museum, Pilgerort, auch Sitz der Hölderlin-Gesellschaft. Jetzt ist der Hölderlinturm umfassend saniert worden, hell und schön, was rund 2,15 Millionen Euro gekostet hat; zusätzlich 400 000 Euro hat die Wüstenrot-Stiftung für die Neugestaltung des Gartens beigesteuert.

Fehlt’s an diesem Ort an Authentizität? Nein, sagt Schmid: „Wir haben Hölderlin in seinen Texten.“ Und diese kann man erfahren, auch körperlich etwa in einer „Gedichtlaufstrecke“. Im Erdgeschoss sind die Lampen nach dem Versmaß von „Hälfte des Lebens“ gehängt. In einem Sprachlabor kann spielerisch, experimentell gelernt werden, was ein „Oxymoron“ oder ein „kopulatives Kompositum“ ist. Man kann aber auch einfach Hölderlin lesen: seine großen Worte.

Freier Eintritt von Sonntag an

Mit einem Festakt eröffnen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Berliner Kulturstaatsministerin Monika Grütters an diesem Samstag, 11 Uhr, in Tübingen den Hölderlinturm und das Programm „Hölderlin 2020“. Die Feier wird live in den Ratssaal des Rathauses am Markt übertragen (und ist auch auf YouTube zu sehen).  Der Hölderlinturm ist von Sonntag an, 12.30 Uhr, allgemein für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Die Öffnungszeiten: Montag sowie Donnerstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, mittwochs 11 bis 19 Uhr. Eintritt frei.