Ulm / Von Georg Leisten Die Literatur wusste schon immer, was der Tönnies-Skandal jetzt offenlegt: Nirgends ist der Kapitalismus ekliger als im Schlachthof. Von Georg Leisten

Schweinemetzger für die Welt“ – „Hog butcher for the World“: So ließ Carl Sandburg 1916 sein berühmtes „Chicago“-Gedicht anheben. Der amerikanische Lyriker verstand es als Preisgesang und Liebeserklärung für die „Stadt der breiten Schultern“, die bis zu 80 Prozent der USA mit Speck und Schinken versorgte. Doch war die Metropole am Michigan-See damals kaum ein verdienter Adressat für hymnisches Lob. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte Sandburgs Kollege Upton Sinclair „Der Dschungel“ geschrieben. Schonungslos legte der Roman, der zunächst als Fortsetzungsgeschichte in einer linken Wochenzeitung erschien, die schmutzigen Praktiken der örtlichen Fleischindustrie offen.

Dass eine Instanz wie Wladimir I. Lenin Sinclair wegen seines auf emotionale Schockwirkung setzenden Stils als „Gefühlssozialisten“ abkanzelte, hat dem Autor nicht geschadet. Das Buch gilt als Meilenstein literarischer Sozialkritik. Undercover schmuggelte sich Sinclair in die Union Stock Yards, den gigantischen Schlachthofbezirk von Chicago. „Der Dschungel“ ist zwar ein fiktives Werk, fußt aber auf Tatsachen aus einer widerwärtigen Wirklichkeit.

Jurgis Rudkus, ein junger Einwanderer aus Litauen, landet mangels anderer Perspektiven in Chicagos Schweinesystem. Im Akkord wird das Vieh abgestochen, enthäutet, gespalten und verwurstet. „Die verwerten vom Schwein einfach alles – bloß das Quieken nicht.“ Schlimmer noch: Jurgis sieht mit an, wie auch Rattenkadaver in den Fleischwolf wandern.

All das liest sich wie die literarische Blaupause für jene Verhältnisse, die unlängst die Großschlachterei Tönnies zu einem der schlimmsten Corona-Hotspots in Deutschland gemacht haben. Auch der westfälische Fabrikmetzger setzt auf Vertragskräfte aus Osteuropa, hohe Arbeitsverdichtung und brutale Umgangsformen, wie Betroffene im Zuge des Covid-19-Ausbruchs berichteten. Was in Rheda-Wiedenbrück die neuartigen Coronaviren sind, waren zu Sinclairs Zeiten die bösen alten „Tuberkelbazillen“, die den Hungerlöhnern der Stock Yards ein ausgezehrtes Ende im Blutsturz garantierten. Sofern sie nicht schon vorher von einem der eisernen Transportkarren zermalmt wurden oder in die riesigen Zerkleinerungsmaschinen stürzten.

Von Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ bis zu Ralf Rothmann mit seinem Nachwende-Kaleidoskop „Hitze“ traten Schriftsteller immer wieder in Sinclairs Fußstapfen und beschrieben den grausamen Alltag der modernen Fleischverwertung. Woher rührt die Faszination der Literatur für das kalte Reich der Rinderhälften und der herausquellenden Gedärme? Gewiss, spätestens seit dem Naturalismus gehört zu poetischer Authentizität auch das gesellschaftlich verdrängte Unschöne dazu.

Doch der Schlachthof ist mehr als eine Tabuzone. Er ist eine in Blut geschriebene Metapher für das Prinzip der darwinistischen Wirtschaftsordnung: maximaler Profit durch Massentötung. Nicht der Erzkapitalist John Ford in seinen Autoschmieden, sondern Nordamerikas Fleischmagnaten nutzten als erste die Effizienzpeitsche des Fließbands.

Als Sinclairs aufmerksamster Leser erwies sich in dieser Hinsicht Bertolt Brecht. Chicagos Fleischimperium inspirierte ihn zu seinem wohl radikalsten Theaterstück, der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise schildert der Dramatiker die Wendung eines braven Heilsarmee-Engels, der armen Metzgersklaven Suppe ausschenkt, zur feurigen Klassenkämpferin: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.“ Unvergessen ist bis heute Volker Löschs kongeniale Stuttgarter „Johanna“. Die Inszenierung verquickte den fiktiven Aufstand gegen die Schinken-Barone mit realen Berichten von Hartz-IV-Empfängern und gipfelte in einem ebenso eindringlichen wie abstoßenden Leberkäs-­Massaker.

Dass die Befreiung der Wurstfabriken bei Brecht am Ende scheitert, ist ein tragisch-ironischer Brückenschlag zwischen der Kapitalismus-Parabel und der sozialen Wirklichkeit von heute. Wie viele Skandale um Gammelfleisch und BSE, um Tier- und Menschenquälerei sind schon folgenlos in den Blutrinnen der Großschlachthöfe versiegt?

Auch Sinclair erreichte nicht, was er anstrebte, obschon er Amerikas Appetit auf tote Tiere zumindest vorübergehend zu bremsen vermochte. Um den Konsum wieder anzuheizen, wurden die Hygieneregeln verschärft. Die ökonomische Situation der Arbeiter blieb jedoch gleich. „Ich zielte auf das Herz Amerikas und traf nur seinen Magen“, beschrieb ein resignierter Autor die Wirkung seines immer noch hochaktuellen Romans.

Überzeugter Sozialist und Vegetarier

Upton Sinclair (1878-1968) war in den 20er Jahren der meistgelesene US-Autor in Deutschland. Insgesamt schuf er fast hundert Romane. Später versuchte sich der überzeugte Sozialist und Vegetarier auch in der Politik, etwa bei den kalifornischen Gouverneurswahlen. Sinclairs Roman „Öl“ wurde 2007 unter dem Titel „There will be Blood“ verfilmt und mit zwei Oscars ausgezeichnet. „Der Dschungel“ ist auf Deutsch im Unionsverlag erschienen (412 Seiten, 16.95 Euro). gl