Ulm / Von Jürgen Kanold Ein großes Leseabenteuer: Die „Handliche Bibliothek der Romantik“ des Secession Verlags versammelt in 15 wunderschön gestalteten Bänden viele Texte aus einer gar nicht so fernen Welt. Von Jürgen Kanold

Romantische Gefühle? Der Bachelor verteilt jetzt wieder auf RTL rote Rosen, was das Publikum der TV-Kitschwelt über die Maßen verzückt – nicht nur die erwählten „Single-Ladys“. Früher hießen diese übrigens Fräuleins. Und schon im eigentlichen Zeitalter der Romantik, grob gesagt die Jahrzehnte zwischen 1790 und 1850, hatten sie ihre banal sentimentalen und sehr schwärmerischen Träume.

Heinrich Heine, nicht zuletzt ein ironischer Romantiker, schrieb für den „Salon“ 1834 acht Zeilen über eine junge Frau, die am Meere stand und „lang und bang“ seufzte, weil sie „so sehre“ der Sonnenuntergang rührte: „Mein Fräulein! sein sie munter/Das ist ein altes Stück/ Hier vorne geht sie unter/ Und kehrt von hinten zurück.“

Eichendorff‘sche Sehnsucht und Waldeinsamkeit, Caspar David Friedrichs Wanderer im Nebelmeer, Robert Schumanns Liebesgesänge: eine zauberhafte Poesie – gedichtet, gemalt wie komponiert. So stellt man sich die Romantik vor. Es ist aber viel mehr. Selbst in den besagten, eher harmlosen Heine-Versen wird das deutlich: Der Mensch gibt sich den irrationalen Gefühlen hin und sollte doch, nach der Aufklärung, vernünftiger, wissender handeln.

Wobei im frühen 19. Jahrhundert die Sache mit dem Sonnenuntergang vielleicht klar war, aber ansonsten ziemlich vieles noch nicht, was die Natur betrifft. Charles Darwin formulierte seine Evolutionstheorie „Der Ursprung der Arten“ erst 1859. Ganz zu schweigen von der Seele des Menschen und der Tiefenpsychologie. Weshalb die so gefühlsverwirrten Romantiker, die sich aus der Wirklichkeit ins Fantastische flüchteten, gerne Gespenster sahen: die Äußeres und Inneres in ihrem Bewusstsein nicht mehr auseinanderhalten konnten. Und die Damen wurden dabei, vor allem im Falle einer enttäuschten Liebe, ziemlich wahnsinnig, wie man nicht zuletzt aus der italienischen Belcanto-Oper weiß.

Ein Riesenthema, aber längst nicht nur für wissenschaftliche Diskurse. Man kann nämlich lesend eintauchen in diese fern gewordene Welt. Aber so fremd ist sie uns ja gar nicht, sagt der Verleger Joachim von Zepelin. „Vergleicht man die Zeitläufte, dort die durch Aufklärung und Revolution ins Wanken geratene Welt, hier die durch Globalisierung verunsicherte Gegenwart, dort die Restauration der alten Mächte, hier die von einer Sehnsucht nach klarer Orientierung getragene Rückkehr der starken Männer, dann scheint es uns vielversprechend, diese Periode der Literaturgeschichte, die sich mitten im Wandel mit einer neuen Stellung des Menschen in der Welt beschäftigte, noch einmal zu befragen.“

Zepelin veröffentlicht in seinem Secession Verlag deshalb jetzt die „Handliche Bibliothek der Romantik“, herausgegeben von einem Team aus sechs Spezialist/innen, darunter Harald Neumeyer, Professor für Neuere deutsche Literatur in Erlangen und ein großer Kenner des Werks von E.T.A. Hoffmann. Das ist dann auch gewissermaßen eine romantische Tat: 15 Bände erscheinen bis August 2023, jeweils drei pro Jahr, und zu kaufen sind sie auch altmodisch ermäßigt in Subskription. Es sind sehr feine, wundeschöne Ausgaben in Leinen, in einem eher kleinen, eben handlichen Format; in der Grundfarbe Rot sind die ausgewählten historischen Illustrationen gedruckt, die Texte auf habhaftem Papier in Monotype Walbaum gesetzt.

Das Spannende ist, dass nicht einfach nur die bekanntesten Romane und Gedichte neu zu einem schmucken Kanon fürs Bücherregal editiert werden, sondern die Bände einerseits eher selten veröffentlichte Texte der europäischen Romantik präsentieren und andererseits sich besonderen literarischen Motiven widmen: „Gespenster“ und „Tiere“ heißen die ersten, bereits vorliegenden Bände.

Dazu kommt der Roman „O.T.“ des Dänen Hans Christian Andersen, den man gewöhnlich nur als Märchendichter kennt. „O.T.“, 1836 erschienen, ist die Geschichte eines von Geburt an Stigmatisierten, der zwischen die gesellschaftlichen Klassen und die Geschlechter gerät. Das ist ein 448-Seiten-Brocken (mit 17 Scherenschnitten) Andersens, der einst in Deutschland so populär gelesen wurde wie die historischen Romane Walter Scotts. Und auch Theodor Fontane hat den neuen Realismus in „O.T.“ für seinen Dänemark-Roman „Unwiederbringlich“ ausgeschlachtet, wie Herausgeber Heinrich Detering einleitend schreibt.

Die ersten beiden Bände dieser Bibliothek aber bieten auch furiose Unterhaltung: Die „Gespenster“-Anthologie versammelt sechs beispielhafte Erzählungen von Heinrich von Kleist bis Ludwig Tieck. Ein Spuk jeweils versetzt die Menschen in Angst und Schrecken, irritiert, verstört sie tief. Wie kann man die Gespenster bannen? Es geht bei den Romantikern nicht darum, wie man den Spuk aufklärt, sondern wie man ihm entkommt. Die Gespenstergeschichte „weckt eine Lust am Gruseln, die sie zugleich befriedigt“, sagt Herausgeber Harald Neumeyer.

Wilhelm Hauff ist mit der „Geschichte von dem Gespensterschiff“ dabei: Der Ich-Erzähler entdeckt nach einem Sturm ein Schiff mit den Leichnamen der Besatzung; der Capitano selbst ist an den Mast genagelt – verfluchte Untote, die nachts auferstehen. Richtig, auch Richard Wagners romantische Oper „Der fliegende Holländer“ fußt auf diesem sagenhaften Stoff. In der „Tiere“-Anthologie (Band 2) ist Hauff ebenso vertreten, mit „Der Affe als Mensch“ – auf dieser Parabel über kleinstädtischen Mief beruht die Opern-Satire „Der junge Lord“ von Hans Werner Henze.

Leseabenteuer, Entdeckungen, Erkenntnisse. Im August erscheinen die nächsten drei Bände: „Teufelsgeschichten“ und Anthologien zu „Handarbeit“ und „Stadt“. Ein Band zum Thema „Horror“ mit den dunkelsten Geheimnissen der Seele ist auch geplant. Aber Edgar Allan Poes „Der schwarze Kater“ findet sich bereits im „Tiere“-Buch. Romantik ist wirklich mehr als nur Gefühlsduselei und auch nichts für schwache Nerven.

Ein Projekt des Secession Verlags

Die „Handliche Bibliothek der Romantik“ erscheint im Secession Verlag: 15 Bände bis August 2023. Alle Bände kosten zum Subskriptionspreis 298 Euro (statt 357 Euro), sind aber auch einzeln erhältlich.