Ulm / Von Jürgen Kanold Hermann Hesses expressionistische Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ und der 2. Juli – der Geburtstag des Schriftstellers. Von Jürgen Kanold

Was war das für ein seltsamer Kerl? Die Tessiner nahmen Hermann Hesse als einen „abgerissenen und etwas verdächtigen Fremden“ wahr, „der von Milch und Reis und Makkaroni lebte, seine alten Anzüge zum Ausfransen austrug und im Herbst sein Abendessen in Form von Kastanien aus dem Wald heimbrachte“. Der erfolgreiche wie depressive Schriftsteller hatte im Sommer 1919 einen Schlussstrich unter seine frühere Existenz gezogen: Hesse, der 1912 in die Schweiz übergesiedelt war, der für die Kriegsgefangenenfürsorge gearbeitet hatte, schöpfte im Süden neuen Mut.

Die Erschütterungen und Verluste der Kriegsjahre hatten sein Leben und auch seine Ehe „nahezu vollkommen zertrümmert“, wie er sich später erinnert. Jetzt wählte er die „radikale Einkehr und Umkehr“: entdeckte in Montagnola bei Lugano ein billiges Quartier, drei Zimmer in der Casa Camuzzi – für ihn ein romantisches Schloss, mit Seeblick und verwunschenem Garten.

In vollkommener Stille wollte Hesse neu beginnen. Abenteuer mit Frauen gehörten freilich dazu, und als Nacktkletterer wird man ihn auch gesehen haben. Es entstand in Montagnola dann sein asketischer Roman „Siddhartha“ über den Brahmanensohn auf dem Weg in die Harmonie. Zunächst aber  entlädt sich sein kreativer Schaffensrausch malerisch in Aquarellen. Er schrieb 1919 aber auch die Novelle „Klein und Wagner“ sowie „Klingsors letzter Sommer“  – und diese Erzählung ist ein expressionistisches Farbenfest, das Porträt eines narzisstischen Malers, die Geschichte auch eines desillusionierten Künstlers aus dem untergegangenen Europa.

Die Szenerie ist eine paradiesische Gegend bei „Pampambio, Kareno und Laguno“. Klingsor wohnt in einer „alten, noblen Ruine“ in Castagnetta. Es sind Fantasienamen der realen Tessiner Orte. Dieser leidenschaftliche, unerbittliche Künstler könnte ein van Gogh sein, aber auch viel Nietzsche und Psychoanalyse stecken in dieser Figur: pathologische Virilität und selbstverliebte Todessehnsucht. Und, wie man in nüchterner Lesart sagen könnte, es ist nicht weit zum Kitsch: „Wie schön und peinigend und unbegreiflich war dies Gefühl in seiner Brust, diese Liebe und flackernde Gier nach jedem bunten Band und Fetzen des Lebens, dieser süße wilde Zwang zu schauen und zu gestalten, und doch zugleich heimlich, unter dünnen Decken, das innige Wissen von der Kindlichkeit und Vergeblichkeit all seines Tuns.“

Die Erzählung hat stark autobiografische Züge. Klingsor  – nicht der verstoßene Gralsritter aus Wagners Oper, aber nach dem Zauberer aus dem mittelalterlichen „Parzifal“ benannt – tritt als ekstatischer Künstlergott von 42 Jahren auf, geboren 1877: wie der Autor. Und einmal trifft Klingsor auf einen armenischen Sterndeuter, der ihn als „Julikind“ anspricht. Ja: „Ich bin am zweiten Juli geboren“, antwortet Klingsor. Der 2. Juli also ist diesmal das Datum unserer Serie „literarische Jahrestage“ – und es ist der Geburtstag Hermann Hesses. Der Armenier freilich sagt Klingsor nichts Gutes voraus: „Ihre Sterne stehen verwirrt, nur Sie selbst können sie deuten. Fruchtbarkeit umgibt Sie wie eine Wolke, die nahe am Bersten ist.“

Klingsor nennt sich im Rausch auch gerne Li Tai Po, nach dem berühmten chinesischen Dichter der Tang-Dynastie (etwa 700 nach Christus), dem „Dichter der tiefsten Trinklieder“. Auf eine Sammlung Hans Bethges mit Nachdichtungen auch Li Tai Pos geht im Übrigen Gustav Mahlers sinfonisches „Lied von der Erde“ (1908) zurück. Es sind viele Querverweise zu finden in Hesses Erzählung: Klingsors Malerfreund Louis könnte Louis Moilliet sein, jener Franzose, der 1914 mit August Macke und Paul Klee die berühmte Tunisreise unternahm. Und Thu Fu, ein anderer großer chinesischer Lyriker, nennt Klingsor seinen Dichterfreund Hermann (noch ein nicht unbescheidener Hesse-Verweis), der ihm Gedichte schickt: „Vom Baum des Lebens fällt/ Mir Blatt um Blatt/ O taumelbunte Welt“.

„Klingsors letzter Sommer“ reißt den Leser von heute in eine fremde Zeit, in eine wild expressionistische. Aber faszinierend zu erfahren: wie ein Dichter, der aus dem Krieg zurückkehrt, „aus dem Joch in die Freiheit“, in einem letzten und größenwahnsinnigen Rausch die alte Welt feiert – und sich davon verabschiedet.

Literatur, kalendarisch

Uwe Johnson zum Beispiel: Sein vierteiliger Roman „Jahrestage“ beginnt am 20. August 1967 und endet genau ein Jahr später, als die Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschieren. Oder der „Ulysses“ von James Joyce: Dieser Jahrhundertroman beschreibt die Ereignisse an einem Tag in Dublin, am 16. Juni 1904, dem „Bloomsday“. Von „literarischen Jahrestagen“ der etwas anderen Art handelt unsere Serie. In loser Folge stellen wir große Literatur vor, kalendarisch terminiert. In dieser Folge spielt der 2. Juli eine wichtige Rolle in Hermann Hesses Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ (erhältlich in einer bibliophilen Ausgabe mit Bildern des Schriftstellers im Insel Verlag).