Stuttgart / Bettina Wieselmann Museum darf man auch genießen, findet Cornelia Ewigleben. 2020 geht die Chefin des Landesmuseums Württemberg in den Ruhestand. Ein Herzenswunsch wäre da noch. Von Bettina Wieselmann

Besucher reiben sich die Augen: Den Innenhof des Alten Schlosses in Stuttgart haben Kinder fest in Beschlag genommen, pumpen Wasser, werkeln im Sand. Und im Haus geben jetzt freie Kunst- und Performancegruppen den Ton an, während das große Museumsfoyer zur multifunktionalen Begegnungsstätte mit freiem Wlan umgebaut wird. Dass sich Museen veränderten Bedürfnissen anpassen müssen, war für die Direktorin des Landesmuseums Württemberg, Cornelia Ewigleben, immer Richtschnur. Nach mehr als 14 Jahren scheidet sie Anfang 2020 aus dem Amt.

Bauen Sie das ehrwürdige Landesmuseum Württemberg endgültig zur Event-Location um?

Cornelia Ewigleben: Nein, nein. Wir haben aber erneut eine große Baumaßnahme und müssen damit positiv umgehen. Bereits 2006 hatten wir ja einen umfangreichen Masterplan erstellt, der weitgehend abgearbeitet ist. Sukzessive wurde das Alte Schloss baulich saniert, zunächst konzentriert auf die Schausammlungen, die auch inhaltlich ganz neu konzipiert wurden. Jetzt haben wir die letzten Schritte vor uns, wobei die begonnene Sanierung der Dürnitz uns mehr einschränkt als alle Bautätigkeiten zuvor . . .

. . . gemeint ist das 1000 Quadratmeter große Museumsfoyer . . .

Ja, diese Größe ist ein Luxus. Doch bis im Oktober 2020 die Sanierung abgeschlossen ist, greifen die umfassenden Bauarbeiten stark in unseren ständigen Betrieb ein. Staub und Lärm erlauben keine Sonderausstellungen. Damit steht aber auch der dritte Stock des Alten Schlosses mit seinen 1000 Quadratmetern leer, eine solche Fläche in Stuttgarts Innenstadt kann man kaum mit Gold aufwiegen. Wir stellen sie freien Kunstinitiativen unentgeltlich zur Verfügung.

Öffnung heißt das Zauberwort.

In der Tat wollen wir das Haus mit einem tagsüber frei zugänglichen Treffpunkt noch stärker in die Stadtgesellschaft führen. Schon im Masterplan hatten wir die Dürnitz als Piazzetta, als Wohlfühl-Platz für alle, im Visier. Die mit Wlan ausgestattete Kulturlounge, wie wir sie jetzt nennen, soll ein herzliches Willkommen ausstrahlen, was der einstigen Trutzburg Altes Schloss bisher abgeht. Das wunderbare Gebäude und sein herrlicher Innenhof in 1A-Lage passen sehr gut zu unserem Profil als Museum, es geht jetzt darum, das eine mit dem anderen zu verbinden. Endlich wird es auch ein Café geben, ein Muss für ein Museum.

Der Hintergedanke dabei ist doch wohl, mehr Besucher anzulocken?

Ich mag das Wort locken nicht. Wir wollen ganz seriös begeistern für das, was es in den anderen Stockwerken des Alten Schlosses zu sehen gibt. Wir werden in der Lounge Videos mit Objekten zeigen, die klarmachen, hier sitzt man nicht in einer Hotellobby, sondern im Museum. Dass derzeit in unsere „Sommeroase“ im Innenhof täglich an die 500 Kinder und Erwachsene kommen, finden wir fabelhaft. Da ist schon der erste Schritt getan, unser Museum zu kennen und wenn es wieder eine Ausstellung für Kinder gibt, werden die Oasenbesucher sicher auch kommen.

Bedarf es heute trickreicherer Strategien, um vor allem jüngere Besucher fürs Museum zu interessieren?

Ich würde es nicht trickreich nennen, es verändert sich nur vieles so rasant. Das Bildungsbürgertum war seit dem 19. Jahrhundert und ist fast bis heute die Hauptklientel der Kultureinrichtungen. Aber wir sind eine vielfältigere Gesellschaft geworden. Da kann man mit dem rein Traditionellen, mit dem wir groß geworden sind, heute nur noch bedingt punkten. Es gibt mittlerweile andere Bedürfnisse, die können wir nicht ignorieren. Erfolgreiche Museen wandeln sich und haben sich immer gewandelt.

Ist der Erlebnisort oder der Bildungsort Museum wichtiger?

Das ist gar kein Widerspruch. Ich halte es mit Schinkel, der sagte, erst erfreuen und dann belehren. Man will nicht immer nur belehrt werden, man will auch einfach mal nur genießen. Umso besser, wenn ich dann von einem Museumsbesuch noch etwas mitnehme, was ich zuvor vielleicht nicht wusste. Andere Länder machen uns das vor, während man in Deutschland immer gleich Bildung vermitteln will.

Man trifft ja auch auf gesammeltes Wissen im Museum.

In der Tat, wir haben auch ein sehr gutes Ansehen, uns glaubt man – das ist ungeheuer wichtig, gerade in einer Zeit, in der es so viele Fake News gibt. Aber wir dürfen unser Wissen nicht einfach bloß von oben nach unten weitergeben, sondern müssen auf neue Bedürfnisse reagieren.

Dem Museum fehlt Depotraum. Ist es denn undenkbar, dass es selbst Platz schafft und sich auch mal von Gesammeltem trennt?

Wir haben tausende von Objekten aus der Archäologie und der Kunstgeschichte als Dauerleihgaben an Museen im Land verliehen. Auf der anderen Seite betreuen wir historisch gewachsene Sammlungen. Wenn wir jetzt anfangen würden, Kulturgut zu verkaufen, dann würde das auch unser sehr gutes Standing in der Öffentlichkeit negativ berühren. Aber wir sagen rigoros zu 99,9 Prozent auch Nein, wenn uns, was sehr oft der Fall ist, etwas angeboten wird. Wenn wir etwas erwerben, dann muss es wirklich ins Sammlungskonzept passen.

Das Landesmuseum Württemberg verfügt über eine Million Sammlungsstücke, gerade mal ein Prozent ist digital einsehbar. Mit Ihrer Forderung nach weiterer Digitalisierung der Bestände graben Sie sich eventuell das Wasser ab: Wenn man vieles im Netz anschauen kann, muss man nicht mehr ins Museum kommen, oder?

Häuser, die wesentlich mehr online gestellt haben, wie zum Beispiel das Rijksmuseum in Amsterdam, die haben überhaupt keinen Besucherschwund. Digitalisierung bringt auch Transparenz: Uns erreichen aus den unterschiedlichen Regionen Württembergs immer wieder Anfragen, die wollen wissen, was wir aus der jeweiligen Region im Bestand haben. Es wäre großartig, wenn dies online recherchierbar wäre.

Das kostet aber. Sind Sie denn insgesamt mit der finanziellen Ausstattung durch das Land zufrieden?

Im bundesweiten Vergleich stehen die Landesmuseen finanziell gut da. Wünsche gibt es viele, mehr Fläche für unser Kindermuseum zum Beispiel. Deutlich mehr muss unbedingt im Bereich Digitalisierung gemacht werden, da hinken wir hinterher: Nötig sind eine moderne Infrastruktur, die Sammlungsdigitalisierung und die digitalen Angebote in den Ausstellungen, hierfür brauchen wir auch personelle Verstärkung.

Stichwort Fundraising, Sponsoren. Ihr Haus macht da viel. Geht es heute gar nicht mehr ohne Drittmittel?

Unser Förderverein hat schon sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert, von Anfang an war er ganz wichtig. Es geht nicht nur um das Geld, es geht auch darum, dass das Museum einflussreiche Fürsprecher braucht, auf die die Politik hört. Wir wollen auch über das Fundraising eine breite Öffentlichkeit ansprechen und so die Bindung zum Museum vertiefen.

Was ist mit der Forderung nach freiem Eintritt für die Sammlung?

Das ist ein Herzenswunsch von mir und unserem Museum. Freier Eintritt ist ein Symbol und ein kulturpolitisches Zeichen. Die Objekte in den Schausammlungen gehören zu 99,9 Prozent uns allen, den Bürgerinnen und Bürgern des Landes. Die eigenen Schätze sollte man, so oft man Lust hat, anschauen dürfen, ohne dafür nochmal zahlen zu müssen.

Was ist Ihr württembergisches Lieblingsstück im Museum?

Es gibt nicht nur eines. Besonders nah ist mir das Königin-Olga-Porträt von Franz Xaver Winterhalter. Es erzählt die Geschichte der Kronprinzessin Olga: Sie sieht da noch sehr jung und schön aus, ganz anders als in den Altersporträts, die sie so hager und verhärmt zeigen.

Den guten Ruf gestärkt

Seit 2005 ist Prof. Dr. Cornelia Ewigleben (65) Direktorin des  Landesmuseums Württemberg. Zuvor hatte die gebürtige Niedersächsin, die in Trier und Oxford klassische Archäologie studiert hat, das Historische Museum der Pfalz in Speyer geleitet. Unter Ewigleben wurde der gute Ruf des Museums im Alten Schloss gestärkt: durch viele Sanierungen, die inhaltliche Neukonzeption der Sammlungen, das Kindermuseum Junges Schloss und mit Ausstellungen, die zu Publikumsrennern wurden wie „Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“. Verheiratet ist Ewigleben, die 2020 in den Ruhestand geht, mit dem Direktor des Badischen Landesmuseums, Eckart Köhne.