Tübingen / Von Marcus Golling „We Make It Happen“ gibt einen Überblick über das vielseitige Werk von Daniel Knorr. Doch dieses sprengt den Rahmen der Ausstellung. Von Marcus Golling

Ein bisschen geschafft wirkt Daniel Knorr, als er vor der Eröffnung seiner Ausstellung durch die Kunsthalle Tübingen geht. Nur rund eine Woche hatten er und sein Team Zeit für den Aufbau. Es seien „schöne Räume, die mir wahnsinnig Spaß gemacht haben“, freut sich Knorr  – ein großes Lob. Denn „We Make It Happen“ ist die erste institutionelle Schau des deutsch-rumänischen Künstlers in Deutschland. Lange habe dieser sich gegen eine Musealisierung gewehrt, sagt Kunsthallen-Direktorin Nicole Fritz. Was auch daran liege, dass sich sein Werk einer klaren Kategorisierung verschließt: Er ist Maler, Bildhauer, Fotograf, Performance- und Konzeptkünstler.

Der 1968 in Bukarest geborene Knorr, der bei Olaf Metzel an der Münchner Akademie studierte, hat in der Kunstwelt schon einige Zeichen gesetzt. Bei der Documenta 14 in Kassel ließ er 2017 mittels Nebelmaschinen vom Zwehrenturm am Fridericianum weißen Rauch aufsteigen, als ob dort Fabriköfen glühten oder ein Konklave kluger Köpfe tagte. 2005 präsentierte er den Besuchern der Biennale in Venedig einen leeren rumänischen Pavillon mit den Titel „European Influenza“: Was damals das Virus des Nationalismus meinte, wirkt in der Rückschau wie eine Ahnung der Corona-Pandemie.

Daniel Knorr will nach eigenen Aussagen den Blick schärfen auf das, was gegenwärtig ist, sei es Krieg, Politik oder die Degradierung der Kunst zur Ware. Viele Arbeiten aus der Vergangenheit, in Tübingen in einem eigenen Raum dokumentiert, sprengen den Rahmen des Musealen – was das Fremdeln des Künstlers mit der Institution erklärt. Auf der anderen Seite kann Knorr, der in Berlin und Hongkong lebt und arbeitet, mit seinen Wandobjekten sehr wohl internationale Galeristen glücklich machen: ein Grenzgänger zwischen Aktivismus und kommerzieller Produktion, der Ersteres mit Zweiterem finanziert.

Die Schau in Tübingen kann diesen Widerspruch nicht ganz auflösen, denn die spektakulären Interventionen im öffentlichen Raum lassen sich nicht einfach in weiße Räume verfrachten, die Flachware hingegen schon. So etwa die „Canvas Sculptures“, an denen Knorr während des Lockdowns intensiv gearbeitet hat. Für diese überzieht er ebene (Leinwand-)Flächen mit einer Schicht aus Kunstharz, auf die er dann mit stark leuchtenden Pigmenten malt. Die Schicht löst er vom Untergrund, wodurch die Malerei der Leinwand entzogen wird – und plastisch formbar wird. Kunsthistorisch aufgeladen werden die Objekte dadurch, dass Knorr sich bei den Motiven bei Klassikern der Moderne, bei Picasso, Malewitsch oder Rothko bedient. Die „Desmoiselles d’Avignon“ wirken so wie eine riesige, zusammengeknüllte Plastiktüte vom Kunst-Discounter.

Von der Straße an die Wand

Ein ähnliches Verfahren hat Knorr auch schon bei seinen „Depression Elevations“ verwendet, für die er Abdrücke von den Unebenheiten von Straßen und Plätzen machte – er selbst vergleicht den Prozess mit dem Nehmen von Fingerabdrücken. Dem Künstler geht es um das Materialisieren von Geschichte. Die Ergebnisse sind aber auch elegante Haben-wollen-Kunst mit leuchtend farbiger Oberfläche, ein idealer Fetisch für den Kunstmarkt.

Knorr schafft es gleichzeitig, den Kunstbetrieb zu bedienen und ad absurdum zu führen, wie mit seiner Aktion „Laundry“ auf der Art Basel 2019. Dort schob er mit seinem Team aus Leinwänden gebaute, klobige Modelle von Autos durch eine Farbe statt Wasser spritzende Waschanlage, als Programme ließen sich Kunstrichtungen wie „Contemporary Art“ einstellen. Das war als Kommentar zur kommerziellen Kunstproduktion gedacht und durch die an Action Painting erinnernde Farbspritzerei eine Bedrohung für die Garderobe des betuchten Messepublikums. „Aber es entstand etwas, das uns selbst berührt hat“, sagt Knorr. In Tübingen steht ein „Beetle“ im Raum – und hängt ein Lamborghini an der Wand. Da bräuchte man als Sammler schon ein wenig Selbstironie.

Das Spiel mit der Oberfläche beherrscht Knorr, im musealen Kontext sind die tieferen Bedeutungsebenen dieses Teils seiner Kunst nicht unbedingt sichtbar, sondern müssen erzählerisch (oder per Video) mitgeliefert werden. Das reduziert den Spaßfaktor und die Irritation, wodurch seine „Materialisierungen“ vor allem durch das Material, die edle Oberfläche erlebbar werden. Allerdings bricht Knorr diese Schönheit mit der Installation „Calligraphic Wig“, die zuvor nur in Hongkong zu sehen war. In einem mit Spiegelfolie ausgekleideten Raum hängen Perücken, fremde Schriftzeichen, Eingeweide oder Tiefseekreaturen erinnernde Gebilde von der Decke. Es sind Kunststoffreste aus einer Recyclingfirma, die der Künstler mit knalligem Autolack überziehen ließ. Ein kluger Kommentar zur globalen Konsumgesellschaft, aber gleichzeitig auch ein perfekter Ort für Instagram-Fotos.

Daniel Knorrs Kunst funktioniert auf verschiedenen Ebenen, das ist eine Qualität.

Umfangreiches Buch zur Ausstellung

„We Make It Happen“ von Daniel Knorr läuft bis 20. September. Geöffnet ist die Kunsthalle Tübingen Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr.

Zur Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Franz und Walther König eine umfangreiche Monografie (369 Seiten) erschienen, die unter anderem Beiträge von Kunsthallen-Direktorin Nicole Fritz und Documenta-14-Leiter Adam Szymczyk enthält. Das Buch kostet in der Kunsthalle 39 Euro, im Handel 49 Euro.