Stuttgart / Jürgen Kanold Kulturpolitik Stuttgarter Opernsanierung und ein Friseur in Melchingen: Petra Olschowski, die Staatssekretärin im Kunstministerium, spricht über große und kleine Aufgaben. Von Jürgen Kanold

Es geht um „digitale Welten“ und „Strategien der Transformation“, aber dann muss konkret ein Milliardenprojekt wie die Stuttgarter Oper auf den Weg gebracht werden – und auf dem Lande freut man sich unter dem Stichwort „neue gesellschaftliche Bündnisse“ schon darüber, dass es in Melchingen einen Friseur gibt, der die Garderoben im Theater Lindenhof nutzen kann, um den Leuten die Haare zu schneiden. Das alles ist „Kulturpolitik für die Zukunft“: Rund 1300 Menschen sind seit Juni 2018 an einem „Dialogprozess“ beteiligt, den das Kunstministerium angeschoben hat. Im Mai soll das Ergebnis vorliegen, eine Publikation nach parlamentarischer Beratung im Juni.

Alle Jubeljahre, möchte man sagen, wird das Kunstministerium des Landes grundsätzlich: 2010 wurde die „Kultur 2020“ unter CDU-Minister Peter Frankenberg und Staatssekretär Dietrich Birk verabschiedet. Damals war Petra Olschowski schon beratend dabei, als Geschäftsführerin der Kunststiftung. Diesmal ist sie unter Ministerin Theresia Bauer (Grüne) als Staatssekretärin für die Kunst kraft Amtes die politisch treibende Kraft. Beim Gespräch in ihrem Büro im Stuttgarter Mittnachtbau zeigt sich Olschowski als bis ins Detail informierte, leidenschaftlich die Kultur lebende Fachfrau.

Kultur für die Zukunft also – was bedeutet das? Überlagert die Riesenaufgabe Oper nicht vieles? Gut eine Milliarde Euro für ein Sanierungsprojekt? „Ein Neubau hat gewiss etwas Verführerisches“, meint Olschowski: „Trotzdem, meine Position ist klar, vielleicht auch weil ich Kunsthistorikerin bin: Wir haben im Zentrum der Landeshauptstadt, zentraler geht es nicht, ein fantastisches Opernhaus. Wir haben eine Verantwortung, dieses wunderschöne Gebäude in die Zukunft zu entwickeln. Der Littmann-Bau ist ein kulturelles Erbe, da hängt viel Herzblut der Stuttgarter dran.“

Die Staatssekretärin bringt einen interessanten Gedanken ins Spiel: „Eine Herausforderung aber ist das neue Kulissengebäude. Das sollte kein grauer Klotz sein, sondern im Idealfall ein architektonisches Zeichen in die Stadtgesellschaft hinein setzen – denkbar ist zum Beispiel ein gläserner Bau.“

Über die Oper vergisst man schnell, dass Stuttgart und das Land noch ein weiteres Großprojekt in der Landeshauptstadt ansteuern: einen Neubau des Linden-Museums. Die ethnologische Sammlung ist herausragend, aber das Gebäude funktioniert nicht mehr. Dazu kommen die Fragen: Wie geht man mit dem kolonialen Erbe um? Wie präsentiert man die Vielfalt der Kulturen? Kürzlich führte Olschowski eine Delegationsreise an, die besonders vom Musée de Quay Branly Chacques Chirac in Paris begeistert war: ein architektonisches Gesamtkunstwerk.

Es bedarf eines langen Atems in der Kulturpolitik. „Die Wiedereröffnung des Opernhauses könnte in der Saison 2031/2032 sein. Auch beim Linden-Museum: Das sind Prozesse, die zehn bis fünfzehn Jahre dauern.“ Die Staatssekretärin macht sich nichts vor: „Da verliert man auch mal die Geduld: Was man jetzt denkt, wird so spät realisiert, dass man es selbst fast nicht mehr mitgestalten und auch nicht mehr davon profitieren kann.“

Zukunftsblicke – der Dialogprozess visiert 2030 an. „Wir haben tolle Ergebnisse, aber ich würde für mich nicht die Deutungshoheit für die nächsten Jahre in Anspruch nehmen wollen. Wir sehen, dass manche Entwicklungen so schnell verlaufen, dass wir keine Lösungen anbieten können.“ So habe man das Thema Klimawandel nicht bedacht. „Wie sichern wir beispielsweise Internationalität, wenn wir weniger fliegen?“ Deshalb gehe es, sagt Olschowski, in der Kulturpolitik darum: „den Kopf aufmachen, beweglich agieren, Strukturen schaffen, die nicht zu eng sind“.

Das gelte besonders auch im ländlichen Raum. Es brauche etwa Menschen, die übers Kirchturmdenken hinaus die Aktivitäten, die Angebote vernetzen. So werden jetzt in sechs Landkreisen Regionalmanager/innen gesucht.

Man spürt, dass die Stuttgarterin theoretische Kulturpolitik immer schnell dem Praxistest unterzieht. „Ich bin absolut davon überzeugt, dass der Bedarf an Kultur weiter wächst. Kultur ist ein Motor, aus dem Alltag herauszukommen. Ein Besuch im Theater oder im Museum etwa regt an, über den Tag und das eigene Lebensumfeld hinaus zu denken, den Blickwinkel einer anderen Person einzunehmen, andere Lebensvarianten durchzuspielen.“ Und im nächsten Moment ist Petra Olschowski dann bei den Landesbühnen: „Ich hatte früher gedacht, dass Thema sei durch, die Menschen sind doch mobil! Und dann schaut man sich die Besucherzahlen an und die Nachfrage auch bei Kindern und Jugendlichen und merkt: nein, die Leute sind zwar mobil, aber sie wollen vor Ort ihre Kulturangebote haben – aber so ein zeitgemäßes Angebot funktioniert nicht mehr in den alten Turnhallen.“

Stimmt, und schon ist die Kulturpolitik, die sich mit der Staatsoper befasst, wieder in einem ganz anderen Alltag angekommen.

Kunsthistorikerin aus Stuttgart

Petra Olschowski, 1965 in Stuttgart geboren, studierte nach einer Lehre als Einzelhandelskauffrau im Kunsthandel an der Universität Stuttgart Kunstgeschichte und Germanistik. Sie arbeitete als Kuratorin, war von 1996 bis 2002 Redakteurin der „Stuttgarter Zeitung“, danach Geschäftsführerin der Kunststiftung Baden-Württemberg und leitete von 2010 an als Rektorin die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Seit 2016 amtiert sie als Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.