Ulm / Jürgen Kanold Umbrüche in Kunst und Architektur: Die Stadt Ulm steht für ein gelungenes Nebeneinander von Tradition und Moderne. Bundesweite Eröffnung an der Donau. Von Jürgen Kanold

Auf ihr Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt sind die Ulmer besonders stolz – seit 1377 haben die Bürger daran gebaut, bis ins späte 19. Jahrhundert hinein. Und sie bauen weiter: jetzt, um das mächtige Gotteshaus und Kulturdenkmal zu erhalten. Dafür zum Beispiel hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) schon viel Geld beigetragen, Scheck für Scheck, zuletzt im Juli wieder 50 000 Euro.

Diese Stiftung bezeichnet sich selbst als „die größte Bürgerinitiative für Denkmalschutz und Denkmalpflege in Deutschland“ – und hat seit ihrer Gründung im Jahre 1985 rund 520 Millionen Euro für den Erhalt des Baukulturerbes bezahlt. 200 000 private Förderer und Unternehmen unterstützen die Arbeit der DSD, und vor allem auch Mittel aus der Fernsehlotterie „Glücksspirale“ kommen zum Einsatz.

Wobei sich die DSD nicht aufs Glück allein verlässt. „Bewahren, was uns verbindet“, heißt die Devise, und dabei geht es der Stiftung neben der konkreten Förderung von Projekten auch um die Öffentlichkeitsarbeit, um die „Bewusstseinsbildung“ für den Denkmalschutz. Deshalb koordiniert sie den „Tag des offenen Denkmals“, der jährlich am zweiten Sonntag im September stattfindet. Dieser sei, noch ein Superlativ, „die größte Kulturveranstaltung“ in Deutschland. Was angesichts von republikweit 8000 Aktionen, zu denen wieder mehr als drei Millionen Menschen erwartet worden sind, nicht übertrieben erscheint. Denkmalschutz: bestaunenswert erlebbar.

Im Jubiläumsjahr „100 Jahre Bauhaus“ lautete das Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“. Was damit klarstellt: Denkmalschutz beginnt immer wieder neu, klebt nicht sentimental an der Historie, ist vom  Wandel beherrscht, kann immer wieder neu eine gesellschaftliche Identität begründen. Wenn die Deutsche Stiftung Denkmalschutz den Slogan „Wir bauen auf Kultur“ ausgibt, dann bedeutet das auch: Die gebaute Kultur trifft den Normalbürger zwangsläufig im öffentlichen Leben. Musik verklingt, ein Buch muss gelesen werden, Kunst ist oft museal – Architektur aber ist unübersehbar allgegenwärtig. Und damit oft ein heftiger Streitfall.

So war das auch in Ulm gewesen, als der US-Architekt Richard Meier im Angesicht des Münsters ein Stadthaus bauen sollte. Moderne trifft Gotik? Das Volk geriet in Aufruhr bis zum Bürgerentscheid. Heute gehört dieser bauliche Brückenschlag über die Zeiten hinweg am zentralen Platz der Donaustadt zu den schönsten, aufregendsten Sichtachsen weithin – und schon steht das 1993 eröffnete Stadthaus selbst unter Denkmalschutz.

So war Ulm jetzt mit einem Riesenprogramm der ideale Ort als bundesweite „Eröffnungsstadt“ des „Tags des offenen Denkmals“. Das stark weltkriegsversehrte Ulm, wo im Wiederaufbau zunächst alles dem Autoverkehr untergeordnet war, ist ein hervorragendes Beispiel für das neue urbane Denken – und  Stuttgart deutlich voraus. In einer „Neuen Mitte“ sind in Ulm die Geschäftshäuser von Stephan Braunfels oder die Zentralbibliothek von Gottfried Böhm (eine Glaspyramide) prominente Wegmarken in die Moderne. Und wiederum bewahrenswert. Oder wie Jörg Haspel, der Vorsitzende des Stiftungsrats der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, am Sonntag im Stadthaus sagte: „Unsere Zukunftsfähigkeit entwickelt sich aus der Vergangenheit.“

Ranghöchste Politikerin war bei der Auftaktveranstaltung in Ulm die baden-württembergische Staatssekretärin Katrin Schütz aus dem Wirtschaftsministerium, das für Wohnungsbau und Denkmalschutz zuständig ist. Der Blick der Kulturwelt richtete sich eher nach Sachsen-Anhalt: Just an diesem Sonntag eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel in Dessau das Bauhaus-Museum – ein Höhepunkt des Bauhaus-Jahres. Wobei auch in diesem Falle Ulm viel zu bieten hat, denn die von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill gegründete Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), die nur von 1953 bis 1968 existierte, verstand sich als Nachfolgerin des Bauhauses und sorgte weltweit für Aufsehen.

Was davon geblieben ist? Design und Mythos. Sichtbar aber ist ein Kulturdenkmal, nämlich der von Bill erbaute Gebäudekomplex der HfG, eine Ikone der Nachkriegsmoderne. Und sie ist nicht zuletzt ein Beispiel dafür, dass sich eine Stadtgesellschaft nicht leicht tut mit dem Anerkennen und Bewahren des baulichen Erbes. „Baudenkmal HfG – Ästhetik des Einfachen“ heißt eine sehenswerte, hoch informative Ausstellung von Daniel P. Meister und Dagmar Meister-Klaiber, die jetzt zum „Tag des offenen Denkmals“ eröffnet worden ist (Münsterplatz 25) und nicht zuletzt zeigt, dass gerade die Umbrüche vor und in jeder neuen Moderne besonders spannend sind.

Bauhaus-Museum in Dessau

Großer Bahnhof und viel Beifall: Das Bauhaus, vor 100 Jahren gegründet, hat in Dessau seine Blütezeit erlebt. Jetzt hat die Schule für Kunst, Architektur und Design inmitten von Dessau-Roßlau ein Museum. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte bei der Eröffnung, den besonderen Geist des Bauhauses lebendig zu halten. Dies sei auch für Kinder und Jugendliche „ganz, ganz wichtig“. Studierende der Dresdner Palucca-Hochschule tanzten mit Bühnenmasken von Oskar Schlemmer bei dem Festakt. dpa