Stuttgart / Von Udo Eberl Der Stuttgarter Konzertveranstalter Michael Russ feiert seinen 75. Geburtstag und wünscht sich eine Perspektive für die Rückkehr zum Konzertbetrieb. Von Udo Eberl

Michael Russ hat viele große Musikstars nicht nur einmal getroffen, sich immer in ihren Dienst gestellt, und als er einst als junger Mann 1967 in der Südwestdeutschen Konzertdirektion Stuttgart (SKS) des Vaters eine feste Anstellung fand, war das weit mehr als ein Beruf. Seiner Berufung geht der sportliche Stuttgarter Veranstalter, der über Jahrzehnte hinweg ein Wegweiser der Branche war, noch immer nach. An diesem Freitag feiert der leidenschaftliche Klassik-Liebhaber seinen 75. Geburtstag und wünscht sich eine schnelle Rückkehr zur Normalität, wie wir sie vor Corona kannten.

Wie sehr sind sie aktuell noch im Geschäft tätig? Ihre Tochter Michaela leitet ja inzwischen als Geschäftsführerin die Agentur.

Michael Russ: Mit 70 habe ich mir vorgenommen, nicht mehr jeden Tag in der Firma präsent zu sein. Zwei Tage die Woche ist das auch der Fall, aber gerade gibt es ja wegen Corona sowieso deutlich weniger zu tun.

Welche Auswirkungen hat Corona für Ihre Konzertdirektion?

Wir konnten zwar viele der Termine verschieben, die bis Ende August stattgefunden hätten, aber in der aktuellen Situation wissen wir nicht, wie es weitergeht. Die Politik lässt uns diesbezüglich auch im Stich, wir hängen alle in der Luft.

Mit was wäre Ihnen denn geholfen?

Uns wäre bereits damit gedient, wenn uns gesagt würde, dass ab dem 1. Oktober Konzerte bis zu 1000 oder 2000 Personen bei einer entsprechenden Berücksichtigung der Vorschriften möglich wären. Unabhängig davon hoffe ich immer noch auf eine normale Konzertsaison ab Herbst.

Was vielleicht etwas blauäugig ist.

Ich hoffe zumindest auf Kammermusik- und Klavierkonzerte für 800 bis 1000 Besucher mit reduzierten Kapazitäten von Sälen und Hallen. Der Betrieb muss klein wieder hochgefahren werden. Bei Orchesterkonzerten mache ich mir mehr Sorgen. Sehr skeptisch bin ich bei großen Pop-Konzerten. Unbestuhlte Konzerte sind schwierig, wenn man den Innenraum nicht mehr belegen kann, da der Abstand von 1,50 Metern zwischen Personen hier nicht realisierbar ist.

 War eine solche Krise für Sie nur ansatzweise denkbar?

Eine solche Situation hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, sonst hätten wir entsprechende Versicherungen mit einem Pandemie-Zusatz abgeschlossen. Für uns Veranstalter ist das der absolute Supergau. Aber wir vertreten in der Gesamtheit ja auch 72 000 Musiker, die derzeit nicht auf Bühnen stehen oder sitzen, sondern zuhause bleiben müssen. Da hängen so viele Schicksale dran, das ist wirklich deprimierend. Wenn dann 2600 professionelle Fußballer wieder spielen dürfen, habe ich dafür auch als großer Fußballfan kein Verständnis.

Sind in den Jahrzehnten persönliche Freundschaften mit Künstlern entstanden?

Durchaus und das vor allem mit Solisten und Dirigenten. Wir handeln ja nicht mit einer Ware, sondern mit Musikerinnen und Musikern, die wir auf ihrem Weg begleiten. Neben der Spielkunst gilt es, ein Publikum zu fesseln und dies Tag für Tag in einer anderen Stadt, daher unsere Maxime, je besser die Betreuung, umso besser der Konzertabend.

Klingt so, als seien Sie vor allem ein Klassiker. Welche Rolle spielten Jazz und Pop in Ihrem Musikliebhaber- und Veranstalterleben?

Als ich 1967 in der Agentur begonnen habe, gab es Jazz mit Größen wie Duke Ellington und so genannte bunte Abende. Später kamen dann die One-Man-Shows mit Künstlern wie Udo Jürgens. Da war ich als junger Mann voll dabei. Wir waren in Stuttgart ja der Platzhirsch und haben dann immer mehr Unterhaltung gemacht, mit Donovan, Canned Heat und vielen anderen. Inzwischen macht das weite Feld der Unterhaltung etwa 65 Prozent unseres Programms aus.

Welche Künstlerinnen oder Künstler hätten Sie gerne, haben Sie aber nicht veranstaltet?

Mit Isaac Stern und Artur Rubinstein hat es leider nie funktioniert, Svjatoslav Richter konnten wir zumindest nach Ulm bringen. Ansonsten ist kein Wunschkünstler an uns vorbeigegangen. Ein Traum wurde mit Frank Sinatra auf dem Schlossplatz wahr, auch wenn das Konzert zum Albtraum wurde, da wir sehr viel Geld verloren haben. Ich fühlte mich dennoch wie ein kleiner Junge, der eine Eisenbahn geschenkt bekommt, obwohl Sinatra stimmlich nicht mehr auf der Höhe war. Das war ein Wahnsinnswochenende, denn auf dem Cannstatter Wasen veranstalteten wir auch noch die irische Band U2.

Sind Sie ein Buchhalter der Träume und ein Fan?

Ich schaue mir jedes klassische Konzert von A bis Z an, nur im Bereich Unterhaltung saß ich bisweilen im Büro und machte bereits die Abrechnung. Ich war aber nie einer, der sich kurz gezeigt hat, um dann das Haus nach zwanzig Minuten zu verlassen. Nur einmal, bei Phil Collins, war ich nicht in der Halle und erfuhr nach einem Prominenten-Fußballspiel in Bad Liebenzell, für das ich die Kickschuhe geschnürt hatte, dass dieses Konzert ausgefallen war. Der Keyboarder der Band war über einen Zaun gestiegen und hatte sich den Arm so sehr verletzt, dass alle drei ausverkauften Konzerte verlegt werden mussten. Das ist mir nie wieder passiert.

Apropos Phil Collins. Inzwischen zahlt man als Fan solcher Superstars für die Tickets horrende Summen. Ist da nicht eine Zäsur fällig?

Ich bin der Meinung, dass die Spitze des Preisgefüges längst erreicht ist. Wir dürfen nicht weiter an der Preisschraube drehen und müssen hier auch auf das jeweilige Management der Künstler einwirken. Auch Corona rechtfertigt für die Zukunft keine höheren Eintrittspreise.

Und was wünschen Sie sich zum 75. Geburtstag?

Da ich selbst gesundheitlich in sehr guter Form bin, wünsche ich mir einen Impfstoff gegen das Corona-Virus, in absehbarer Zeit ein neues, besonders für Klassik geeignetes Konzerthaus für Stuttgart, denn dieses Problem dürfen wir jetzt wegen Corona nicht endlos weiterverschieben.

Ein Leben für die Kultur

Der in Unterkochen geborene Michael Russ trat nach seiner Ausbildung zum Musikalienhändler in Ulm 1967 in die von seinem Vater 1945 gegründete Südwestdeutsche Konzertdirektion Stuttgart (SKS Russ) ein, in der auch die Mutter und seine drei Schwestern tätig waren.1976 übernahm er die Leitung der Agentur. Das Amt des Präsidenten des Verbands der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD) hatte er von 1982 bis 2015 inne. Einige Jahre war er auch Mitglied der Kulturstrukturkommission des Landes Baden-Württemberg und des Kunstbeirates der Landesregierung, Mitglied des Kulturausschusses der Landeshauptstadt Stuttgart ist er noch heute.