Ulm / Marcus Golling Millionen von Hörern genießen auf Youtube Musik, die dank der sogenannten 8D-Technik räumlich klingt. Doch was anfangs spektakulär wirkt, ist nur eine akustische Spielerei. Von Marcus Golling

Mama, geh bitte aus meinem Zimmer. Ich bin gerade auf einem Konzert.“ Euphorische Kommentare wie dieser stehen reihenweise unter dem rund 47,7 Millionen Mal aufgerufenen Youtube-Clip des Songs „Believer“ der US-Rockband Imagine Dragons. „Magie“ oder „Gänsehaut“ werden vielen Hörern beschworen, ein Lob, das allerdings nicht nur den Künstlern gebührt, sondern vor allem der Technik. Denn zu hören ist nicht der normale Song, sondern die Version in sogenannter 8D-Technik. Wer will, bekommt auf dem Videoportal auch David Guetta, Queen und sogar Vivaldi in neuen Versionen.

Das Audio-Phänomen geistert seit rund zwei Jahren durch das Internet, wobei Youtube so etwas wie der zentrale Wallfahrtsort ist, Kanäle wie „8D Tunes“ verzeichnen teils Millionen Abonnenten. Das D in 8D steht für „Dimensions“ oder „Directions“, versprochen wird also ein Klangerlebnis der achten Dimension beziehungsweise eine Beschallung aus acht Richtungen. Dafür braucht man jedoch keine teure Hifi-Anlage, nur einen Kopfhörer. Ohne den funktioniert der Trick nicht.

Trick ist das richtige Wort, denn 8D ist kein echter Raumklang, sondern eine Studio-Spielerei. Ein fertiger Song wird dabei mit einer speziellen Software so bearbeitet, dass es klingt, als ob sich die Musik im Raum bewegen würde. Genauer: als ob jemand einen Lautsprecher auf einen Wagen gestellt hätte und mit diesem die ganze Zeit um den Hörer herumfahren würde. Ein psychoakustischer Effekt: Durch geschicktes und andauerndes Verschieben der Musik im Stereobild ergibt sich, zusammen mit einer Portion Hall, das beeindruckende Karussell-Gefühl. Das, da muss man dem Imagine-Dragons-Fan von vorher widersprechen, so gar nicht einem Live-Erlebnis ähnelt.

Das sieht auch Ludwig Maier so. Der 38-Jährige betreibt das GKG Mastering Studio in Freising bei München und hat schon Aufnahmen bekannter Künstler wie Tim Bendzko, Rainhard Fendrich, Vanessa Mai oder der Antilopen Gang final bearbeitet. Maier sagt: 8D sei schon wegen der Kopfhörer-Pflicht kein Ersatz für normale Stereo-Aufnahmen, aber ein „lustiger Effekt“. Die Klangqualität bleibe aber auf der Strecke. Die Musik werde quasi „in einen Würfel gepackt“, die Breite des Stereoklangs nicht mehr voll genutzt.

Der viel gebuchte Tonmeister findet aber auch: „8D ist eine tolle Möglichkeit, den Content wiederzuverwerten.“ Es macht also Lust, einen bekannten Song unter neuen Bedingungen erneut zu hören, was auf Youtube oder Spotify angesichts der Abrechnung pro Stream wirtschaftlich Sinn ergäbe. Dennoch wird das Feld kaum von der Musikindustrie selbst kaum bearbeitet. Umgekehrt scheint sich diese nicht daran zu stören, dass Youtube-Kanalbetreiber ihren Inhalten ungefragt den Drehwurm verpassen. Ludwig Maier kann aus Gesprächen mit Label-Verantwortlichen bestätigen, dass die Firmen das Thema 8D „gar nicht auf dem Schirm haben“. Was vielleicht auch daran liege, dass Künstler und Labels über die Tantiemen mitverdienen.

Doch hat 8D das Potenzial zu mehr – oder ist es nur ein Netz-Trend mit begrenzter Haltbarkeit? Der Toningenieur Maier glaubt, dass 8D noch ein bis drei Jahre lang gute Zugriffszahlen bringen könne. Dann werde das Phänomen von neuen Angeboten abgelöst. Zudem hat 8D ein grundsätzliches Problem: „Das kann man nicht nebenbei hören“, sagt der Fachmann, dafür stehe der Effekt zu sehr im Vordergrund. Die meisten Menschen nämlich genießen Musik als Begleitung, beim Autofahren, beim Abwasch oder im Büro. Kopfhörer tragen dabei nur die Allerwenigsten.

Höhere Zahl heißt nicht besserer Klang

Das räumliche Hörerlebnis ist überwiegend als 8D bekannt, im Netz gibt es aber auch Clips, die mit 9D-, 10D- oder 24D-Technik werben. Dahinter steckt keine bessere Technik, nur Angeberei: Denn die Songs werden ja nicht anders aufgenommen, sondern nur im Nachhinein mit einer Software bearbeitet. Und der Kopfhörer hat immer nur zwei Lautsprecher eingebaut.