Ulm / Udo Eberl Die niederländische Nightwish-Frontfrau Floor Jansen spricht über das neue Album der finnischen Symphonic-Rocker „Human. :II: Nature.“ und die Herausforderungen beim Singen.  Von Udo Eberl

Die finnische Band Nightwish um Keyboarder Tuomas Holopainen hat sich seit dem Jahr 1996 an die Spitze des Symphonic Metal gespielt. Mit wechselnden Sängerinnen – Tarja Turunen und Anette Olzon – wurde der Erfolg über die Jahre zu einem weltweiten. Mit dem aktuellen Album „Human. :II: Nature.“ (Nuclear Blast) eroberten Nightwish den ersten Platz der deutschen Albumcharts. Die niederländische Sängerin Floor Jansen war bis 2009 Leadsängerin der Band  „After Forever“, seit acht Jahren ist sie Frontfrau bei Nightwish.

Ist das neue Album musikalisch die logische Fortsetzung des Vorgängeralbums „Endless forms“?

Floor Jansen: Das ist ohne Frage so. Was es aber nicht ist: ein Konzept­album. In den ersten neun Stücken wird der Mensch aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet, aber nicht in einer fortlaufenden Geschichte. Die zweite, orchestrierte Hälfte des Doppelalbums ist dagegen ein Liebesbrief an die Natur.

Gab es vor den Proben und der Studiozeit einen Masterplan, wie das Album klingen soll?

Tuomas Holopainen hat nicht von Beginn an genaue Vorstellungen, was geschehen soll. Er ist eher der Songwriter, der vor einem leeren Blatt Papier sitzt, Dinge passieren und sich vom Leben um ihn herum oder Erlebnissen kreativ inspirieren lässt. Aber er hat dabei natürlich die gesanglichen und instrumentellen Farben von uns Nightwish-Musikern beim Schreiben immer in seinem Kopf.

Sie als Sängerin werden häufig mit Song-Ideen von Instrumentalisten wie Holopainen  konfrontiert, die extrem schwer zu singen sind. Ist das eine besondere Herausforderung?

Die Geschwindigkeit ist bisweilen sehr extrem, und die Komplexität wie etwa im Song „Shoemaker“ ist so enorm, da fragte ich mich als Sängerin am Anfang schon, ob es überhaupt eine Stelle gibt, an der ich Luft holen kann. Aber Tuomas weiß, dass diese Stücke mich zwar fordern werden, aber singbar sind. Also musste ich viel üben.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihre Vorgängerinnen am Nightwish-Mikrofon klingen würden?

Das war nie der Fall, aber nach acht Jahren mit Nightwish ist das sowieso kein Thema mehr. Ich habe genug Persönlichkeit und stimmliche Qualität, um die Songs nach meinen eigenen Vorstellungen füllen und prägen zu können.

Wie schwierig ist es für Sie als Sängerin, diese komplexe Musik mit Emotionen zu füllen?

Ich mache das in Stufen. Zunächst beschäftige ich mich mit einem Song inhaltlich, dann körperlich und im nächsten Schritt male ich ihn mit Farben aus und suche nach den Emotionen, mit denen ich die jeweilige Kurzgeschichte erzählen will.

Zu den neuen Klangwelten von Nightwish gehört unter anderem ausgefeilter dreistimmiger Gesang. Kommt Ihnen das entgegen?

Absolut. Wir haben den Harmoniegesang zunächst live bei älteren Stücken eingesetzt, und das klappte ganz wunderbar. So wuchs auch der Anspruch, im Studio Gesangssätze nicht mehrfach aufzunehmen, sondern live einzusingen. Die Stimmen von Marko Hietala und Troy Donockley passen mit meiner so gut zusammen, das ist fast schon überirdisch. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich etwas abgeben muss, wenn Marko oder Troy singen. In dieser Band geht es nicht um Egos, sondern an erster Stelle um Musik. Deshalb passt das so gut. Eine Karriere kann in diesem harten Business so kurz sein, da darf man sich nicht mit Egoismen aufhalten.

Aber es gibt auch eine Solokarriere. Wie bekommen sie das mit Nightwish zusammen?

Die Solokarriere war so nicht geplant. Ich bekam im vergangenen Jahr überraschend die Anfrage, ob ich bei der TV-Show „Beste Zangers“ dabei sein will. Das Ergebnis waren danach ausverkaufte Solokonzerte. Ich genieße das natürlich, aber rein zeitlich betrachtet ist das schon ein Balanceakt. Ich hatte eigentlich alles sehr gut durchgeplant, aber das Virus hat dann alles über den Haufen geworfen. Ich nutze die Zeit jetzt einfach dafür, neue Stücke für mein Soloalbum zu schreiben. Und ich genieße es auch, Vollzeit-Mama sein zu können. Wenn dein Kind so klein ist, musst du jeden Tag genießen. So kann ich dem Horror der aktuellen Situation auch positive Seiten abgewinnen.

Popularitätsschub durch TV-Show

Durch die niederländische TV-Show „Beste Zangers“, vergleichbar mit „Sing meinen Song“, erfuhr die Sängerin Floor Jansen in der Heimat einen gewaltigen Popularitätsschub. Im Januar wurde sie mit dem „Popprijs 2019“, der höchsten Auszeichnung der niederländischen Unterhaltungsmusik, ausgezeichnet. Mehr Infos unter www.nightwish.com. udo