Stuttgart / Wilhelm Triebold Der Choreograf Marco Goecke studiert derzeit am Stuttgarter Theaterhaus einen Gershwin-Abend ein und hadert damit, dass die Corona-Auflagen Sport und Tanz mit zweierlei Maß messen. Von Wilhelm Triebold

Es gibt nur wenige deutsche Choreografen, die international gefragt sind. Marco Goecke ist einer von ihnen, dazu einer mit ausgeprägtem Stilwillen, geradezu unverwechselbar. Inzwischen hat Goecke, der lange am Stuttgarter Ballett Hauschoreograf war und außerdem verlässlich fürs Nederlands Dans Theater arbeitet, seine erste eigene Tanztruppe: Seit einer Spielzeit ist er Ballettdirektor in Hannover. Es lief gut an in Niedersachsens Landeshauptstadt, Goecke erreichte nicht nur das bisherige Publikum, sondern auch jüngere Leute. Nach einem fulminanten „Beginning“, wie der erste Ballettabend hieß, schrieb die FAZ: „Man sollte wieder nach Hannover schauen.“ Wir trafen den Choreografen im Stuttgarter Schlossgarten-Café auf ein Stück Himbeerkuchen. Auch sein betagter Dackel Gustav bekam genügend zu trinken.

Herr Goecke, sind Sie – trotz oder mit Corona – in Hannover richtig angekommen?

Marco Goecke: Einfach war es nicht, hier wegzugehen, Stuttgart war schon ein Stück Heimat. Aber es hat gut geklappt. Die Leute in Hannover goutieren das schon, was wir machen. Mein Ziel ist, die Welt nach Hannover zu bringen. Renommierte Choreografen und auch Leute, an die ich glaube. Auch um eine Bandbreite an Choreografie zu zeigen. Ich will mich nicht nur mit meinen Sachen isolieren.

Wenn man mit viel Elan startet, ist so ein Shutdown doch der Supergau?

Naja, zu entschleunigen ist auch eine Superchance. Dieses Innehalten hieß ja nochmal neu anfangen. Aber irgendwann hatte ich fünf Kilo mehr drauf, und mit dem Nichtstun war ich auch durch. Es tat sich vor allem ein großes Loch auf beim Kennenlernen der Compagnie.

„Loch“ ist ein gutes Stichwort: So hieß Ihre erste Choreografie überhaupt, ausgerechnet für einen Choreografenwettbewerb in Hannover.

(lacht) Ja, vor genau 20 Jahren, ich bin nicht mal ins Finale gekommen. Bevor ich den Job annahm in Hannover, habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt existiere, wenn ich nicht arbeite. Wer bin ich ohne die Arbeit? Es gab auch Zeiten, wo sie mir wirklich zum Hals raushing. War‘s das jetzt? Hat das Sinn? Gefällt mir das? Wenn man den ganzen Tag nur man selber ist, dann ist man auch manchmal müde von sich. Und dann kam Corona. In den zwei Monaten habe ich dann gemerkt, wie dankbar ich für das bin, was ich da machen darf. Ich war danach sehr motiviert, hierher zu Gauthier Dance zu kommen. Das ist so ein Privileg, ein solches Geschenk! Also mach es einfach, begegne wieder Menschen.

Sie haben in mittlerweile über 70 Tanzstücken schon sehr unterschiedliche Musik benutzt. Gershwin war wohl noch nie darunter.

Ich hatte mich mit ihm nie besonders auseinandergesetzt. Aber ich hatte auch keine Lust, jetzt bei Eric Gauthier irgendwas mit Ligeti zu machen, habe lieber was Leichteres gesucht. Musik, die wir alle kennen, Evergreens, die uns nahe sind. Das benutze ich diesmal. Als Grundlage für meine Ästhetik.

Dabei ist Gershwin, wie Fred Astaire meinte, ja eher ein Komponist für die Füße.

Ja, das ist ein schönes Zitat!

Eines ihrer Stilmittel ist aber, wie Sie die Tänzer Arme und Oberkörper einsetzen lassen.

Wenn Sie ein Rendezvous haben, legen Sie doch auch nicht die Füße auf den Tisch! Wir lernen uns erstmal über diesen Teil kennen (zeigt auf die obere Körperhälfte), mit dem hier oben sprechen wir. Aber die Füße sind immer noch dran. Die haben auch eine Bedeutung. Ich entblöße die Beine weniger als andere. Aber das kommt sicherlich noch.

Die performative Kunst, darunter der Tanz, leiden allerdings besonders unter Corona und den Folgen.

Die Regierung hat uns da ein bisschen vergessen. Sport, auch Gruppensport, ist wieder erlaubt. Die Politik vergisst, dass unsere Kunst auch einen sportlichen Aspekt hat. Und das wir uns auch körperlich begegnen wie im Sport. Wir haben allerdings strenge Auflagen, die ich teilweise unfair finde. Auch dass wir in der Kette der Notwendigkeiten, politisch gesehen, erst ganz am Schluss kommen. Wer interessiert sich schon für Tanz? In dieser Gesellschaft muss man, um irgendwas erreicht zu haben, Fußballer sein. Sonst gilt nichts.

Das heißt nun aber, es sind auch für die Theaterhaus-Produktion nur Soli möglich?

Ja, nicht mal ein Pas de deux. Ich habe viel über Kollegen nachgedacht, die gern mit Gruppenformationen arbeiten. Die kommen jetzt in Teufels Küche. Ich habe da eher einen Fuß in der Tür, weil ich Isolation und Einsamkeit in meiner Arbeit und ein Alleinsein doch auch genügend kenne. Das ist mir nicht fremd. Trotzdem merke ich, wie viele Begegnungen und Pas de deux es auch in meiner Arbeit gibt. Und die fehlen mir jetzt auch. Und ich frage mich, wie soll das weitergehen? Wenn wir immer die sechs Meter Abstand zueinander haben müssen, das ist schon eine harte Angelegenheit. Ich habe ja auch Gruppen an Tänzern, jeweils drei. Die Auflagen sind so streng, dass diese verschiedenen Gruppen sich nicht mal theoretisch hinter der Bühne begegnen dürfen.

Was bedeutet das außerdem für „Lieben Sie Gershwin“?

Wir müssen das auch als Corona-Stück kommunizieren. Weil – wir müssen durch manche lange Soli durch (lacht). Dieser Abend muss schon mit dieser Zeit zu tun haben. Und so bleibt das auch. Ich muss das jetzt mal ausprobieren, unter solchen Bedingungen etwas zu machen. Wenn ich merke, es ist qualitativ machbar, nehme ich das nächste Projekt vielleicht unter solchen Umständen nochmal an. Aber so geht‘s gerade vielen Choreografen: Was kann man noch reduzieren, wenn doch so wenig möglich ist? Selbst wenn die Welt untergeht, wird irgendwann Bewegung wiederkommen. Selbst nach den Krieg haben die Leute irgendwo einen Scheinwerfer ausgegraben und getanzt. Das Publikum wird immer hungrig bleiben, etwas zu sehen. Und sie werden uns vielleicht vieles verzeihen, was wir improvisieren müssen, weil‘s nicht anders geht.

Was ist Tanz für Sie?

Wir umkreisen etwas Sprachloses. Es muss immer etwas Geheimnisvolles bleiben. Ich weiß, dass das für viele Zuschauer nicht unanstrengend ist. Es gibt aber genügend Arbeiten, die nirgendwo wehtun. Die nichts zerbrechen oder ratlos machen. In den frühen, sperrigen Stücken habe ich alles verweigert, was ich kannte. Ich wollte es nicht machen wie Kylian oder Forsythe. Und ich hatte noch Pina Bausch als riesigen Schatten aus meiner Heimatstadt. Ich musste reduzieren, um ich selber zu sein. Heute lasse ich eine andere Stille, Langsamkeit und Poesie zu. Vieles ist heute zugänglicher, ich gehe barmherziger mit der Sache, vielleicht auch den Zuschauern um.

Gehen die Deutschen mit ihren Künstlern pfleglich um?

Ich glaube nicht. Da hat zum Beispiel Pina Bausch eine Welt erschaffen über dreißig, vierzig Jahre, und dann liest man kurz vor ihrem Tod in einer Zeitung eine Demontage. Man würde doch heute auch nicht über Picasso schlecht schreiben. Aber im Tanz passiert das. Ich hatte immer Picasso und Pina. Und fand mit ihnen: Es ist doch nicht schlimm, etwas Ungewöhnliches und Eigenständiges zu tun. Aber ich hatte beim Tanz sehr früh das Gefühl, man müsse sich entschuldigen, sich etwas Verrücktes zu trauen. Weil Tanz immer auch etwas etepete ist, eine Verköstigung von Schönheit und Belanglosigkeit. Das Auseinandernehmen und der ganz starke Wille, man selber zu sein: Pina Bausch hat gesagt, wenn man sich ganz darauf konzentriert, nicht das zu machen, was die andern von einem erwarten, sondern das, was man machen möchte, dann muss man sehr mutig sein.

„Lieben Sie Gershwin?“ im Oktober im Theaterhaus

Seit Corona befindet sich auch Marco Goeckes 28-köpfige Truppe in Hannover im Kurzarbeitsmodus, servierte allenfalls Kostproben unter freiem Himmel in den Herrenhäuser Gärten. Goecke wiederum nutzt Lockdown und Auszeit zum Ausflug zurück nach Stuttgart, wo er als Artist in Residence eigentlich Eric Gauthiers „Swan-Lake“-Projekt zuarbeiten wollte, das wegen Corona aber um ein Jahr verschoben wird. Stattdessen studiert er nun mit Gauthier Dance unter dem Titel „Lieben Sie Gershwin?“ einen Abend ein, der am 7. Oktober im Theaterhaus unter Corona-Bedingungen herauskommt.