Ulm / Von Jürgen Kanold Drama Fußball ist auch nur Theater: Ein feuilletonistischer Blick auf das geradezu antike Schicksal der WM-Helden Mario Götze und André Schürrle. Von Jürgen Kanold

Ein Spiel dauert 90 Minuten, und vom Platz geht normalerweise jene Mannschaft als Gewinner, deren Protagonisten mehr Tore geschossen haben als der Gegner. Das klassische Drama nach Aristoteles – ein alter Grieche, aber kein Kollege von Otto Rehhagel – ist komplizierter, hat aber auch viel mit Fußball zu tun. Besser gesagt: Der Fußball ist auch nur Theater, weil er sehr emotional vom Leben handelt und nicht nur Statistiker beglückt, die Ergebnisse und Tabellen auswerten.

Es geht also um Menschen: gerne um Helden. Und das Millionenpublikum interessiert sich für diese ganz besonders, wenn sie siegen oder fallen, wenn sie gloriosen Ruhm ernten oder am Boden liegen. Oder am besten beides tun. Wie André Schürrle und Mario Götze, die Weltmeister von 2014, die jetzt gerade im Rampenlicht stehen.

Aber noch einmal zurück zu Aristoteles (der übrigens unter den Monty Pythons fürs griechische Philosophen-Team spielte). Bei ihm auf der Bühne läuft das nach dem Anpfiff in fünf Akten so ab: Exposition, steigende Handlung (mit einem plötzlichen Ereignis), Peripetie (Wendepunkt), fallende Handlung (mit tragischen Momenten), Katastrophe.

Okay, André Schürrle und Mario Götze sind nicht für Shakespeare oder Goethe angetreten, sondern für die deutsche Nationalmannschaft und zuletzt Spartak Moskau und Borussia Dortmund, aber ihr Schicksal geht den Zuschauern zu Herzen – auch wenn sie nicht tragisch umgekommen sind, sondern nur ihre Karriere mit 29 beendet haben oder mit 28 ins Ausland weiterziehen müssen als Profis, weil ihr Club sie nicht mehr braucht. Hungern müssen sie auch nicht, nur seelisch leiden. Aber im Fußball ist dieser Abstieg ein großes Drama. Denn dieses Spiel lebt von weltbewegenden Fallhöhen.

Kommen wir zum plötzlichen Ereignis und zur Peripetie. Das lässt sich genau terminieren: 13. Juli 2014, Rio de Janeiro, das Stadion Maracana. Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Argentinien. In der 113. Minute (ein Spiel dauert doch länger als 90 Minuten) schießt Götze auf Vorlage von Schürrle ein wunderbares 1:0 und damit Deutschland zum Titel.

Was das damals auslöste, kann man zumindest rudimentär begreifen, wenn man sich die offizielle Heldensaga des Deutschen Fußball-Bundes anschaut, das Bilderbuch „One Night In Rio – Unsere Nacht vom 4. Stern“ mit Fotos von Paul Ripke. Unter dem Eintrag „Irgendwann gegen 7:00 in Rio“ finden sich diese Zeilen: „Sonnenaufgang, vierte Sternzeit. Sind vor gefühlten fünf Minuten Teil der Ewigkeit geworden. Wir sind die Nummer eins der Welt. Unsere Freude, der Stolz, 1000 Tonnen Glücksgefühl. Grenzenlos. Wir sind steil gegangen. Für euch alle mit. Wir haben durchgefeiert. Bis die Wolken wieder lila waren.“

Maximales Pathos. Von einem solchen dramatischen Höhe- und Wendepunkt kann auch Hamlet nur träumen. „Wir sind steil gegangen“? Es konnte jetzt nur noch runtergehen. Mario Götze war der Größte und unsterblich mit 22 Jahren, Schürrle mit 23 sein eingewechselter Flankengott. Und nachdem ihnen tausendfach die Torszene vorgespielt wurde, kriegten sie gewissermaßen kein Bein mehr auf den Rasen.

Natürlich verdienten sie immer noch viele Millionen Euro pro Jahr, wechselten die Vereine und spielten gelegentlich gut – aber gemessen wurden sie immer an den Ereignissen von Maracana. War das damals nur Zufall, ein genialer Augenblick? Hatte das Schicksal seine Füße im Spiel? Klebte jetzt das Pech an den Schuhen? Da kann man durchaus verzweifeln oder depressiv werden, wie das Theaterhelden so passiert. Nur sind die ja nicht echt, sondern werden von Mimen verkörpert. Schürrle und Götze mussten aber beides: Mensch sein und als Schauspieler die Heldenrolle übernehmen. So funktioniert das im Fußball-Geschäft. Ein Doppel-Job, den nicht jeder kann.

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat . . . Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, heißt es in Bertolt Brechts „Leben des Galilei“. Schlau gesagt, aber der Dichter (sehr interessiert am Boxen, weniger am Fußball) hatte selbstverständlich die politische Gesellschaft im Blick. Fußballfans ist das egal. Oder sagen wir besser: „Never ending Gänsehaut“, um das WM-Buch noch einmal zu zitieren – ohne Helden funktioniert das Spiel nicht.

Die Katharsis ist auch ein sicherer Treffer. Aristoteles nämlich beschrieb die Wirkung einer Tragödie beim Zuschauer so: als die reinigende Befreiung von den bei der Betrachtung der tragischen Ereignisse erregten Affekte Furcht und Mitleid. Ein Großteil der Bevölkerung ist erleichtert, kein heulender Fußballer sein zu müssen.

André Schürrle hat das jetzt im Interview ziemlich klug zusammengefasst, als er über sein Karriereende sprach: „Die Entscheidung ist lange in mir gereift. Ich brauche keinen Beifall mehr.“ Und wer keinen Beifall mehr braucht, kann nicht einmal mehr Schauspieler sein.

Der Fluch des ersten Hits

Auch im Pop gibt es den Fluch des großen Erfolgs. One Hit Wonder heißt das, wenn ein junger Musiker den großen Hit landet, der ihn dann ein Leben lang verfolgt. Bei Fool’s Garden ist es der „Lemon Tree“, bei Lou Bega ist es der „Mambo Nr. 5“, bei Dominoe der Werbe-­Hit „Here I Am“. Und wer sich das Ganze mit einem Star, der nun wirklich mehr als einen Hit geschrieben hat, anschauen möchte: In dem Spielfilm „One-Trick Pony“ spielt Paul Simon einen Folksänger, der seit zehn Jahren seinen einzigen Hit spielen muss. hep