Stuttgart / Von Jana Zahner Hegels Philosophie gilt als schwer zugänglich – der Stuttgarter Sebastian Ostritsch hat zum 250. Geburtstag des Denkers versucht, dessen Mammutwerk verständlich zu erklären. Von Jana Zahner

Er hielt Vorlesungen im breiten Schwäbisch, trank jedes Jahr ein Glas Champagner auf die Französische Revolution und gilt als der wichtigste Vertreter der philosophischen Strömung des Deutschen Idealismus: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der 1770 in Stuttgart geborene Philosoph begründete eine wissenschaftliche Philosophie, die darauf abzielt, die gesamte Wirklichkeit systematisch zu deuten. Am 27. August wäre er 250 Jahre alt geworden. Sebastian Ostritsch, Philosophiedozent an der Universität Stuttgart, hat in seinem Buch „Hegel. Der Weltphilosoph“ die zentralen Gedanken von Hegels Werk populärwissenschaftlich aufbereitet.

 Herr Ostritsch, Hegel feiert dieses Jahr 250. Geburtstag. Man könnte genauso sagen: Er ist fast 200 Jahre tot, warum sollten wir seine Schriften noch lesen?

Sebastian Ostritsch: Ich denke, so ein Jubiläumsjahr birgt die Gefahr, Hegel zwanghaft in die Gegenwart zu holen. Wenn man es aber richtig angeht, kann man einen Denker entdecken, der überzeitliche Antworten gesucht hat. Hegel wird man wie Platon auch in weiteren 200 Jahren noch mit Gewinn lesen.

Sie schreiben, Hegels Stil wirke wie betrunken, er neige zu missverständlichen Ausdrücken. Auch viele Zeitgenossen überforderte er. Was war für Sie der Antrieb, sich mit Hegel zu beschäftigen?

Gerade, dass man ihn nicht sofort versteht. Das war der Ansporn. Als Student hatte ich zuerst Vorbehalte: dass es unverständlicher, halb mystischer Kram sei. Dann habe ich gemerkt: Es gibt kaum einen Denker, der sich nicht mit Hegel auseinandergesetzt hat.

Was empfehlen Sie Laien, die sich Hegel nähern wollen?

Mein Buch (lacht). Und einen sehr kurzen Text von Hegel: „Wer denkt abstrakt?“ Man wirft ja Philosophen immer vor, dass sie zu abstrakt denken. Was er humorvoll zeigt: Es ist unser Alltagsverstand, der abstrakt ist, weil er Dinge in Schubladen steckt. Er abstrahiert, betrachtet die Welt nur aus einer bestimmten Perspektive. Hegel betonte immer: Wahre Philosophie ist konkretes Denken.

Als Hegel 1831 in Berlin stirbt, vergleicht ihn ein Trauerredner mit Jesus. Warum diese Verehrung?

Es ist heute schwer vorstellbar, dass Hegel ein Star war. Er war weder jung, noch dynamisch oder eloquent. Hegel war ein schwäbelnder, sich hölzern ausdrückender Mann. Hegels Philosophie hat aber hinter allem, was chaotisch und nichtig erschien, das Vernünftige gesucht. Für seine Anhänger war das eine unglaublich bereichernde, versöhnliche Erfahrung – gerade in den unsicheren Zeiten nach der Französischen Revolution.

Eine aufgeklärte Theologie?

Ja. Hegels Philosophie ist eine Art Theologie ohne einen Gott, der jenseits der Welt ist. Hegel hat gesagt: In Religion und Philosophie geht es letztendlich um dasselbe: Das Absolute. Die Religion arbeite mit Vorstellungen, die Philosophie mit Begriffen.

Hegel wächst in Stuttgart auf, studiert Theologie in Tübingen. Wie schwäbisch ist sein Denken?

Sehr! Seine Sprache war es bis zum Schluss. Seine Studenten haben sich gewundert, was das mysteriöse „ebbes“ sei – Hegel meinte „etwas“. Die Herkunft erklärt ein Stück weit auch Hegels Dialektik. Sie wendet sich gegen ein Entweder-oder-Denken und verabsolutierende Betrachtungsweisen. Das spiegelt sich schön im schwäbischen Satz: „So isch no au wieder.“

Sie gehen in ihrem Buch auch auf Hegels Biografie ein – die vergleichsweise beschaulich verläuft.

Es ist trotzdem ein faszinierendes Leben der Umwege. Schelling, Hegels Zimmergenosse in Tübingen, ist ganz anders: Der bekommt schon mit Anfang 20 eine Professur, eilt von einem Erfolg zum nächsten. Hegel braucht einfach wahnsinnig lange. Er wird Hauslehrer, Zeitungsredakteur, Rektor. Seine akademische Karriere geht erst mit über 40 richtig los. Auch seine Philosophie platzt nicht mit der Wahrheit heraus – man muss seine Werke immer bis zum Ende lesen. Sein Denken und seine Persönlichkeit reichern sich stetig an.

Hegel begeisterte sich für die Französische Revolution, gleichzeitig ist er als Unterstützer der Restauration verschrien. Wie ordnen sie ihn ein?

Hegel hat die Französische Revolution für ihre grenzenlose Zerstörungswut kritisiert. Er war aber auch kein Freund der Restauration. Er hatte eine Abneigung gegen extreme Sichtweisen, war konstitutioneller Monarchist. Der Staat hatte sich bei ihm auf das Recht, auf gerechte Macht zu gründen.

Egomanen wie Napoleon feierte er als Motor der Weltgeschichte, Weltverbesserer kritisiert er. Warum?

Der nach Macht strebende Napoleon hat das Chaos der Revolution geordnet – und hat trotzdem ihre Errungenschaften erhalten. Das ist bei Hegel die List der Vernunft – sie setzt sich als eine Art Nebenprodukt selbstsüchtiger Handlungen durch. Hegel hatte nichts gegen gute Absichten, aber wandte sich gegen utopisches Denken. Umbrüche sind nur produktiv, wenn sie Erreichtes erhalten.

Was er wohl zu Donald Trump gesagt hätte? Es ist schwer, das Vernünftige seiner Politik zu sehen.

Mit Hegel ist das eine einseitige Perspektive. Vielen seiner Anhängern ist Trump selbst unsympathisch, und doch artikuliert er etwas, das übersehen wurde: Eine Unzufriedenheit mit der Auflösung nationaler Souveränität und unübersichtlichen globalen Zusammenhängen.

Was verstand Hegel unter Freiheit?

Hegel hat unter Freiheit nicht Ungebundenheit verstanden. Wahre Freiheit findet man nach ihm in der Bindung an andere Menschen und gemeinsame Projekte. Wer sich auf etwas festlegt, wird überhaupt erst frei. Ein Beispiel: Für Hegel ist die Ehe Freiheit, eine Befreiung von Trieben, die uns von einem Partner zum nächsten treiben. Er nannte das „bei sich selbst sein im anderen“.

Wie lässt sich das auf Corona übertragen – Stichwort Maskenpflicht?

Wir haben es hier mit einer staatlichen Verordnung zu tun. Viele, die ein Problem mit der Maskenpflicht haben, fühlen sich in ihren Rechten verletzt. Bei Hegel hat ein Subjekt im modernen Staat ein Recht darauf, erklärt zu bekommen, warum eine Maßnahme notwendig und vernünftig ist. Das Problem: Das Vertrauen zwischen Regierung und Teilen der Bevölkerung ist erschüttert, nicht nur in Deutschland.

Anders gesagt: Auch unsere Zeit verlangt nach Erklärungen – Was können heutige Philosophen von Hegel lernen?

Sein Denken geht immer aufs Ganze, stellt Zusammenhänge her, das sollte sich die heutige Philosophie bei ihm abschauen. Das Unverständnis gegenüber dem Fach gründet sich oft darauf, dass die Philosophie sich in Detailfragen verliert. Die Schwierigkeit: Heute wäre kaum eine Einzelperson im Stande, ein derart enzyklopädisches Wissen zu besitzen und zu strukturieren.

Und stilistisch?

Da sollte man sich von ihm eher abgrenzen. Hegel war auch gegen eine Popularisierung der Philosophie. Ich dagegen finde, man sollte sich zumindest bemühen, tiefe Gedanken allgemeinverständlich zu formulieren.

Studienjahre mit Schelling und Hölderlin

Ein  urschwäbischer Denker: Georg Wilhelm Friedrich Hegel kommt 1770 als Sohn pietistischer Eltern in Stuttgart zur Welt. Er studiert Theologie in Tübingen, freundet sich dort mit dem Philosophen Schelling und dem Dichter Hölderlin an. Ruhm erlangt er erst mit 48 Jahren am Lehrstuhl für Philosophie der Universität Berlin. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die „Phänomenologie des Geistes“ seine „Wissenschaft der Logik“, die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ und seine „Rechtsphilosophie“.

Sebastian Ostritsch (Jahrgang 1983) studierte Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Stuttgart, wo er heute lehrt. Er promovierte an der Universität Bonn über Hegels Rechtsphilosophie. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Forschung bildet die Ethik des Computerspiels.