Ulm / Von Jürgen Kanold Er schoss den FC Bayern München 1932 zur ersten deutschen Meisterschaft: Die ­tragische Geschichte des Oskar „Ossi“ Rohr. Von Jürgen Kanold

Wer wird den Elfmeter schießen? Conny Heidkamp, der Kapitän? Nein, der 20-jährige Oskar „Ossi“ Rohr nimmt den Ball und drischt ihn ins Tor, Eintracht Frankfurts Keeper hat keine Chance. Es steht 1:0 für den FC Bayern München, der an diesem 12. Juni 1932 im Städtischen Stadion in Nürnberg seine erste deutsche Fußballmeisterschaft gewinnen wird. Schon mal von Ossi Rohr gehört? Der Stürmer war ungefähr der Robert Lewandowski der 1930er Jahre – oder hätte es zumindest werden können, wenn nicht die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen hätten.

Der in New York lebende Autor Julian Voloj und der junge polnische Illustrator Marcin Podolec erzählen die wahre, weitgehend unbekannte Geschichte des Oskar Rohr in einer Graphic Novel, in einem fein gezeichneten Roman: „Ein Leben für den Fußball“. Es ist aber auch die Geschichte des von den Nazis als „undeutsch“ verfemten Fußballsports unter dem Hakenkreuz.

Oskar wird 1912 in Mannheim geboren. Mit 16 Jahren spielt er beim VfR Mannheim, wo Richard „Little“ Dombi sein Ausnahmetalent entdeckt. Der Österreicher gehörte zu den großen Trainern in Europa, der FC Barcelona und Feyenoord Rotterdam zählten zu seinen Teams. Als er 1930 nach München wechselte, nahm er Oskar Rohr aus Mannheim mit an die Isar und holte mit seinem besten Stürmer die deutsche Meisterschaft. Kurt Landauer, wie Dombi jüdischen Glaubens, amtierte als Bayern-Präsident.

Es war der noch relativ junge Fußballsport, in dem die Juden nicht diskriminiert oder ausgeschlossen wurden. Dann kamen die Nazis, und auch für den Schwabinger FC Bayern war die glorreiche Zeit schnell vorbei: Landauer musste 1933 abtreten (und saß nach der Pogromnacht 1938 im KZ Dachau, überlebte aber den Krieg und kehre 1947 als Klubpräsident nach München zurück). Jugendtrainer Otto Albert Beer wurde in Litauen ermordet, Dombi konnte in die Schweiz emigrieren. Und der populäre Oskar Rohr, der nicht verfolgt wurde? Ging auch ins Ausland, weil er Profi werden wollte.

Damit war seine Karriere im deutschen Nationaltrikot (vier Länderspiele, fünf Tore) 1933 schlagartig vorbei, denn den Nazis war der „Engländersport“ Fußball eher suspekt, sie favorisierten kampftaugliche Leibesübungen. Oskar Rohr zog in die Schweiz, spielte für Grasshoppers Zürich und wurde dann in Frankreich, beim Racing-Club Strasbourg, ein Star und 1937 Torschützenkönig der Liga. Als im Zweiten Weltkrieg die deutschen Truppen das Elsass besetzten, floh Rohr nach Südfrankreich, spielte für den FC Sète und erreichte 1942 das französische Pokalfinale. Doch im Vichy-Frankreich, das mit den Nazis kollaborierte, wurde Rohr von der Polizei verhaftet „wegen Verbreitung kommunistischer Propaganda“, ins Gefängnis gesteckt und zur Zwangsarbeit in das Konzentrationslager Kislau bei Karlsruhe deportiert. Schließlich musste er als Soldat an die Ostfront.

Die Graphic Novel endet in Trümmern: „Nach dem Krieg überlegte Oskar, nach Frankreich zurückzukehren . . . aber dann beschloss er, in Deutschland zu bleiben.“ Er spielte noch für Schwaben Augsburg und andere Vereine, aber 1949 war die Karriere beendet. Rohr arbeitete als Angestellter für die Mannheimer Stadtverwaltung und stirbt 1988.

Julian Voloj erzählt diese Geschichte romanhaft, in einfachen Worten, Marcin Podolec zeichnet mit kantigem Strich, mit Comic-Gesten, aber auch in fast aufwühlenden expressionistischen Bildern: vom Kindheitstraum eines Jungen, der immer nur Fußball spielen wollte, den die Zeitläufte aber gewissermaßen böse foulten. Der Autor setzt sich mit dem Nationalsozialismus und dem Antisemitismus auseinander, was in der Geschichte des deutschen Fußballs lange nicht selbstverständlich war. Rohr begegnet in dieser Graphic Novel auch Julius Hirsch, dem ersten jüdischen Fußballer, der für Deutschland spielte – und 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Landauers Schicksal ist ebenso illustriert. In einem Anhang stehen zudem die Biografien der Protagonisten.

Eindrücklich die Doppelseite nach dem Gewinn der Meisterschaft: zwei Jubelbilder – einmal die Fans auf dem Münchner Marienplatz, die ihre Mannschaft feiern, dann das Volk, das dem Führer huldigt. „Es hätte das perfekte Happy End sein können. Doch leider kam es anders.“

Der Autor und der Zeichner

Julian Voloj, geboren 1974 in Münster, arbeitet seit 2003 als Autor, Journalist und Fotograf in den USA. Er hat international erfolgreiche Graphic Novels veröffentlicht, darunter „Joe Shuster“ über den „Superman“-Erfinder.

Marcin Podolec, geboren 1991 im polnischen Jaroslaw, arbeitet als Regisseur, Illustrator und Comiczeichner. Viel beachtet seine Graphic Novel „Fugazi Music Club“.