Emmendingen / Christine Süß-Demuth Geschichte von unten: Im Deutschen Tagebucharchiv im badischen Emmendingen werden persönliche Aufzeichnungen aus 250 Jahren gesammelt.

Tagebücher erzählen Geschichten. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie mit Stift oder Feder, Kuli oder Tinte, auf Bütten- oder Toilettenpapier, einer Morserolle oder einem Tabakkarton geschrieben sind. Rund 20 000 unveröffentlichte Tagebücher, Erinnerungen und Briefsammlungen aus dem deutschen Sprachraum hat das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen gesammelt. Es geht nicht um Aufzeichnungen Prominenter, hier sind die Tagebücher von gewöhnlichen Leuten archiviert.

Verpackt in säurefeste graue Kartons lagern sie in den Räumen des Alten Rathauses der Stadt. Einige Autorinnen und Autoren schreiben fein säuberlich in Schönschrift, andere wild durcheinander und kaum zu entziffern. Es gibt Eintragungen in Sütterlin oder Stenografie, manchmal ergänzt mit Fotos, Eintrittskarten oder mit Zeichnungen.

„Die meisten Menschen schreiben vor allem für sich selbst“, sagt Marlene Kayen, Vorsitzende des Vereins „Deutsches Tagebucharchiv“. Oft seien es bewegende Geschichten, mal emotional, mal ganz sachlich notiert.

Besonders beeindruckt haben Kayen die Aufzeichnungen eines Mannes, der das Leben und Sterben in seiner Familie um 1850 protokollierte. Es habe sie erschüttert, sagt sie, mit welcher berührenden Nüchternheit er berichte, wie eines seiner Kinder an Heiligabend stirbt.

Das älteste Tagebuch des Bestandes ist ein württembergischer Schreibkalender aus dem Jahr 1760. Der Pfarrer Gottlieb Christoph Bohnenberger (1732-1807) aus Neuenbürg (Enzkreis) nahm als Feldprediger am Siebenjährigen Krieg teil und nutzte einen Almanach für seine Buchhaltung und kurze Notizen.

Dass Tagebücher auch wortwörtlich lebensrettend sein können, beweist das zerfetzte Kriegstagebuch eines jungen Mediziners: Es hielt einen Granatsplitter ab und rettete ihm damit das Leben.

Pro Jahr kommen etwa 250 Exemplare neu dazu, erzählt Kayen. Rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter sortieren, archivieren und transkribieren die Aufzeichnungen. Ein Drittel der Autoren schickt die autobiografischen Dokumente noch zu Lebzeiten an das Archiv. Nicht alles könne archiviert werden. Ausgewählt werde aber nicht nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Autors oder spezifischen Themen, betont Kayen: Entscheidend sei der autobiografische Charakter.

Das Deutsche Tagebucharchiv wurde 1998 von Frauke von Troschke gegründet und betreibt auch ein kleines Museum, getragen wird es von einem Verein. 2019 hat das Land Baden-Württemberg das Archiv als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ anerkannt, als ein „Gedächtnis der Gesellschaft“.

Warum Tagebücher aufbewahrt werden? Es gehe darum, den Alltag normaler Menschen zu dokumentieren, als „Geschichtsschreibung von unten“, erläutert Kayen. Oder, in den Worten Saverio Tutinos formuliert, des Gründers des italienischen Tagebucharchivs: „Jeder hat das Recht, gehört zu werden.“

Kayen räumt auch mit dem Vorurteil auf, dass vor allem Frauen ihr Leben festhalten. „Männer schreiben gerne nach dem Berufsleben ihre Erinnerungen auf“, erzählt die pensionierte Lehrerin, die früher ihre eigenen Tagebücher vernichtet hat. Dass es mehr Aufzeichnungen von Männern gebe, sei auch den Weltkriegen geschuldet, ein inhaltlicher Schwerpunkt des Archivs.

Unzensierte Alltagssorgen

Geschrieben wird über Kindheit und Jugend, die Arbeit, Reisen, Liebe, Schicksalsschläge. Das Tagebucharchiv sammelt auch Lebenszeugnisse aus der DDR wie Brigade-Tagebücher. Jedes Jahr erhalten die Mitarbeiter mehr als 200 Forschungsanfragen aus aller Welt. Für Wissenschaftler sei es interessant, dass die Tagebuchschreiber zum Zeitpunkt des Schreibens „nicht wissen, wie eine Sache ausgeht“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Jutta Jäger-Schenk vom Tagebucharchiv. Sorgen und Nöte würden ungefiltert aufgeschrieben.

Während das kleinste Tagebuch nur wenige Zentimeter misst, bringt das schwerste Exemplar zehn Kilo auf die Waage. Rund 300 Tagebücher hat Beate Roberts (1941-2017) in ihrem Leben vollgeschrieben an die imaginäre „Liebe Silberfee“ – eine Hommage an Anne Frank, die ihre Aufzeichnungen an „Kitty“ adressierte. Erst lebe sie, dann schreibe sie, dann könne sie alles nachlesen, so Roberts Motivation: „Das nenn‘ ich intensives Leben.“  Christine Süß-Demuth

„Tagebuchschreiben reinigt die Seele“

In Krisenzeiten boomt das Tagebuchschreiben: „Es ist vergleichbar mit dem Aufräumen und hat eine reinigende Wirkung auf die Seele“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Jutta Jäger-Schenk vom Deutschen Tagebucharchiv im badischen Emmendingen. Das Notieren von Problemen, Ängsten und Sorgen sei wie ein Ventil, um Spannungen abzubauen. Es sei für viele auch wie ein Freund. Dabei müsse man nicht überlegen, was man erzähle: „Papier stellt keine Fragen, man kann ihm alles anvertrauen.“ Wenn man beim Tagebuch-Schreiben jedoch eine Öffentlichkeit im Blick habe, wirke dies wie ein innerer Zensor, so die Kulturwissenschaftlerin.

Die zehn wichtigsten Themen der rund 20 000 unveröffentlichten Tagebücher, Erinnerungen und Briefsammlungen im Deutschen Tagebucharchiv seien: Familie, Alltag, Weltkrieg, Arbeit, Krankheit, Reisen, Schule, Freundschaft, Selbstreflexion und Nationalsozialismus. Viele Tagebuchschreiber hätten in den Jahren 1918 bis 1920 auch über die Spanische Grippe geschrieben, an der weltweit mindestens 20 Millionen Menschen gestorben sind. Damals hätten sie vor allem aufgelistet, wer daran gestorben sei und welche Therapiemöglichkeiten es gebe. Heute, zu Zeiten der Corona-Pandemie, stünden dagegen die persönlichen Empfindungen angesichts von Einschränkungen im Fokus.