Konstanz / Petra Walheim Unter strengen Corona-Auflagen kommt „Hermann der Krumme“ auf dem Konstanzer Münsterplatz zur Uraufführung. Das Konzept geht auf. Von Petra Walheim

Konstanz nimmt gerne mal eine Vorreiterrolle ein. Die größte Stadt am Bodensee hatte im Mai 2019 als erste Kommune in Deutschland den Klimanotstand ausgerufen. Andere folgten. Ähnlich ist es mit dem Theater. Am Samstag hatte das Stück „Hermann der Krumme oder die Erde ist rund“ auf dem Münsterplatz Uraufführung. Es war landes-, vielleicht auch bundesweit das erste Freilicht-Theaterstück, das unter Corona-Bedingungen aufgeführt werden durfte. Möglich gemacht hat das Christoph Nix, der kämpferische Intendant des Konstanzer Theaters.

Mit diesem Schauspiel über einen körperlich stark behinderten, geistig aber genialen Benediktiner-Mönch aus dem 11. Jahrhundert nimmt Nix nach 14 Jahren seinen Abschied von Konstanz. Es war ihm ein Herzensanliegen, dieses Freilichtspiel trotz der Corona-Beschränkungen noch auf die Bühne zu bringen. Nur mit einem an die Bedingungen des Infektionsschutzes angepassten Konzept ist ihm das gelungen.

Der Gemeinderat genehmigte das Konzept, so konnten die Proben nach der Zwangspause wieder beginnen.  Zur Uraufführung am Samstag auf dem Münsterplatz waren zunächst nur 99 Zuschauer zugelassen. „Die Karten dafür waren schnell verkauft“, sagt Pressesprecherin Dani Behnke. Als vor einer Woche die Einschränkungen weiter gelockert und 250 Zuschauer möglich wurden, wurde das Kontingent auf 228 Karten erhöht. „228 Plätze deshalb, weil nur so der vorgeschriebene Abstand von 1,5 Meter zu jedem Stuhl eingehalten werden kann“, sagt Behnke. Innerhalb von zwei Tagen waren alle Vorstellungen ausverkauft.

Den Kartenbesitzern ist am Samstagabend – nach drei Monaten Theaterpause  –  die Vorfreude auf ein kulturelles Erlebnis anzumerken. Sie sind auf vier Eingänge verteilt. Vor jedem Eingang gibt es eine Wartezone, in der sich die Zuschauer sammeln, ehe sie zu den zwei Tribünen geführt werden. Eine ist für Paare mit Doppelplätzen bestuhlt. Nasemundschutz ist Pflicht.

Die größten Einschnitte haben die Schauspieler und Sänger: Sie schminken sich selbst, legen ihre Kostüme selbst an. Der Aufwand wurde reduziert, wobei die meisten Akteure ohnehin „nur“ Mönchskutten tragen. Auf der Bühne, die das Konstanzer Münster als Kulisse hat,  gibt es keine körperliche Annäherung, weder der aggressiven noch der liebevollen Art.

Das Stück selbst ist keine leichte Kost: Es zeigt, wie Hermann von Altshausen (er lebte von 1013 bis 1054), der körperlich mehrfach behindert ist, von seinen Eltern ins Kloster Reichenau gebracht wird. Sein Vater, Graf Wolfrat der II. von Altshausen, nennt ihn „die faule Frucht meiner Lenden“.  Trotz seiner körperlichen Gebrechen ist Hermann ein genialer Kopf. „Hermann ist der Stephen Hawking des 11. Jahrhunderts“, sagt Christoph Nix. Deshalb hat er ihn als Stimme aus dem Off in das Stück eingearbeitet. Hermann, der von Sarah Siri Lee König großartig gespielt wird, unterhält sich immer wieder mit ihm, stellt ihm Fragen nach dem Ursprung des Universums.

In einer Zeit, in der alle noch glauben, die Erde sei eine Scheibe, weiß Hermann schon, dass sie rund ist. Das wird in einer Szene auf die Bühne gebracht, in der ein Mönch  seinen Mitbrüdern Äpfel bringt. „Äpfel, so rund wie die Erde“, kommentiert Abt Berno.  Die Mönche sind schockiert. „Rund hat er gesagt!“ Sie können es nicht fassen.

Eine besondere Herausforderung haben die Chöre zu bewältigen: Sowohl der Mönchs-Chor als auch der Kinderchor singen hinter Plexiglas-Masken. Bei der Uraufführung wirkte sich das auf die gregorianischen Gesänge nicht negativ aus. Münsterchordirektor Steffen Schreyer singt als Mönch selbst mit und dirigiert.

Vieles wird nur symbolisch angedeutet. Es gibt viel Spielraum für eigene Interpretationen. Das größte Spielfeld dafür bietet der Tänzer Mike Planz. Er agiert barfuß auf den Pflastersteinen. Nach und nach wird klar: Er verkörpert Hermanns Gefühlswelt.

Trotz der Ausfälle übergibt Christoph Nix nach eigener Aussage seine Intendanz mit einem Überschuss von 153 000 Euro. Er verabschiedet sich mit der Feststellung: „Wir finanzieren der Stadt ihre Millionenverluste beim Bodenseeforum und der Philharmonie und machen darüber hinaus fröhlich Kunst.“

Intendant Christoph Nix geht nach Tirol

Als Christoph Nix vor 14 Jahren die Intendanz des Theaters Konstanz übernahm, machte dieses nach seiner Aussage ein Defizit von 200 000 Euro und hatte maximal 70 000 Zuschauer pro Saison. „Ich habe das Haus um 40 Prozent gesteigert“, sagte er am Samstag vor der Uraufführung. Die Zahl wird von Insidern bestätigt. Warum er Konstanz dennoch verlässt, begründet Nix unter anderem mit „der Inkompetenz des Kulturbürgermeisters“.

2021 wird der scheidende Intendant künstlerischer Leiter der Tiroler Volksschauspiele in Telfs (Österreich). In der Gemeinde im Inntal finden seit 38 Jahren im Juli und August Theateraufführungen unter freiem Himmel statt. wal