Essen / Von Jürgen Kanold Überlebensgroß, im wahrsten Sinne: In der Kokerei des Essener Zollvereins zeigt Martin Schoeller 75 Porträts von Holocaust-„Survivors“. Eine Ausstellung in Kooperation mit Yad Vashem. Von Jürgen Kanold

Diese Augen! Was diese Augen nicht alles gesehen haben müssen: das unbeschreibliche Leiden der Menschen in der deutschen Vernichtungsmaschinerie des Zweiten Weltkriegs. Naftali Furst zum Beispiel, 1932 in Bratislava geboren, wurde in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und überlebte am Ende auch den Todesmarsch nach Buchenwald. Jetzt schauen einen seine Augen auf einer Fotografie an: durchdringend, mahnend, dass man es so schnell nicht mehr vergisst. Dazu ein wichtiger Satz von ihm: „Wir müssen der Opfer des Holocaust gedenken – ganze Familien, Frauen und Kinder –, die ermordet wurden, nur weil sie Juden waren.“

Vor bald 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee der Sowjetunion das KZ Auschwitz – es ist ein sehr aktueller Gedenktag in einer deutschen Gesellschaft, in der antisemitische Auswüchse gegenwärtig sind. Die Augenzeugen sind es, die am wirkungsvollsten aufklären. Doch den Holocaust-Überlebenden läuft die Zeit davon. Und dann? Bleiben auch diese Fotografien von Martin Schoeller: „Survivors“ heißt seine Ausstellung mit 75 großformatigen Porträts, die an diesem Dienstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Unes­co-Welterbe Zollverein in Essen eröffnet wird.

Kai Diekmann, der frühere „Bild“-Chefredakteur, hat dieses Projekt der Erinnerungskultur initi­iert: als Vorsitzender des deutschen Freundeskreises von Yad Vashem. Und so fotografierte Schoeller im vergangenen Jahr in Jerusalem, in der internationalen Holocaust-Gedenkstätte, 75 überlebende Opfer der Shoa: und zwar im wahrsten Sinne in überlebensgroßer Nahaufnahme. Solche seriellen Close-ups, von zwei Scheinwerfern ausgeleuchtet (die im Auge reflektieren), sind das Markenzeichen des Künstlers: Ob Barack Obama, Meryl Streep oder Obdachlose – es sind im selben Format hyperrealistisch und extrem frontal aufgenommene Gesichter. Mehr Augenzeugenschaft geht nicht.

Und jetzt diese 75 Holocaust-Überlebenden: „Es war das emotionalste Projekt meines Lebens“, sagt der 1968 in München geborene Schoeller. Es sind Begegnungen eines Fotografen aus dem Land der Täter, der aufgewachsen ist in den 80ern mit „ungeheuren Schuldgefühlen“. Mit „großer Angst“ sei er nach Israel geflogen, er traf in Yad Vashem, dem „unausweichlichen Schauplatz“, aber auf eine „unglaubliche Herzlichkeit“. Vielleicht, so Schoeller am Montag vor der Presse, müsse man diese Kraft des Verzeihens besitzen, um weiterleben zu können. Das habe er gelernt. Und doch seien es traurige Tage gewesen in Israel, derart konfrontiert mit den Schicksalen der Porträtierten.

Falten, Narben, Spuren des Erlebten, des Alters, der Vergänglichkeit. Und mitgelesen das Unsichtbare: das Gedächtnis, das nichts vergisst, die Seele. Die Porträts ermöglichen dem Betrachter eine ungewöhnliche Nähe zu diesen Menschen, man kann sich nicht entziehen – man muss Verantwortung übernehmen. Diese Bilder sind „zugleich Denkmal und Mahnung, von der Geschichte zu lernen“, sagt Diekmann. Und, sehr treffend: „Die Furchen der Gesichter sind Zeichen des durchlebten Grauens und zugleich des Triumphs, sich ein neues Leben aufgebaut zu haben.“

Zum Ereignis aber werden die Fotografien Schoellers am außergewöhnlichen Ausstellungsort: im grau verschmutzten Betonbunker der Mischanlage in der Kokerei. Das Ruhrgebiet war die Waffenschmiede des Deutschen Reichs gewesen, auch hunderttausende Zwangsarbeiter wurden dorthin verschleppt. Die Zeche Zollverein war dabei eine herausragende Stätte der Steinkohleförderung. Dort lässt sich Geschichte nicht ausblenden. Jetzt leuchten Martin Schoellers Porträts hell und farbenreich in einem dunklen, höllischen Industrie-Schlund auch hoffnungsvoll.

Aber niemals beruhigend. Moshe Ha-Elion, 1925 in Thessaloniki geboren, geschunden in Auschwitz-Birkenau und Mauthausen, hat zu viel gesehen. Er warnt: „Seid aufmerksam und wachsam. Seht zu, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Kanzlerin Angela Merkel kommt zur Eröffnung

Die Ausstellung „Survivors“ mit 75 Fotografien Martin Schoellers von Holocaust-Überlebenden ist ein gemeinsames Projekt der Stiftung für Kunst und Kultur Bonn mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und entstand auf Initiative des deutschen Freundeskreises von Yad Vashem. Sie ist bis 26. April im Unesco-Welterbe Zollverein in Essen zu sehen, täglich 11-17 Uhr. Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet die Ausstellung an diesem Dienstag. Im Steidl Verlag ist dazu ein Fotobuch mit einem Vorwort von Joachim Gauck erschienen: Großformat, Leineneinband, 168 Seiten, 28 Euro.