Heidenheim / Burkhard Meier-Grolman  Im Kunstmuseum in Heidenheim wird aufgezeigt, wie schnell Fotografie den Kunstolymp erobert hat.

Noch vor dreißig, vierzig Jahren hatten ambitionierte Fotografen auf dem hiesigen Kunstmarkt-Terrain nichts zu suchen. Ihr Metier wurde nicht sonderlich beachtet, geschweige denn ernst genommen, von veritablen Fotokünstlern konnte damals noch keine Rede sein. Wie radikal sich die Szenerie gewandelt hat, das belegt jetzt eine höchst informative und eindrucksvolle Fotokunst-Schau im Kunstmuseum Heidenheim.

Über 25 Jahre lang hat Direktor René Hirner den rasanten Aufstieg der Lichtbildnerei in den Kunstolymp beobachtet. Und er hat sich, so weit das seine bescheidenen Museumsmittel zuließen, exemplarische Werke aus den Ateliers der auffälligsten Protagonisten der Szene gesichert.

Und siehe da, all die Typen, um deren Hochglanzprodukte sich heute die Galeristen und Auktionshäuser reißen, hier sind sie versammelt, die Bechers und ihre gelehrigen Schülerinnen und Schüler, etwa Candida Höfer oder Thomas Struth. Da ist auch Nan Goldin, die Amerikanerin, die es wie keine andere geschafft hat, die Up and Downs, die Gefühlswallungen und dramatischen Geschehnisse in ihrem ganz persönlichen New Yorker Umfeld aufzuspüren und sie direkt an den Betrachter ihrer zum Teil sehr intimen Schnappschüsse weiterzugeben.

Wozu die ganz aktuelle Fotokunst in der Lage ist und wie sie ihre technischen Möglichkeiten ausreizt, das demonstrieren beispielsweise zwei in der Schau dicht  nebeneinander hängende Arbeiten. Einmal hat es Michael Wesely hier auf unnachahmliche  Weise geschafft, mittels extrem langer Belichtungszeiten das Aufblühen und Vergehen eines Schnittblumenstraußes in ein einziges Bild zu bannen. Und der Japaner Hiroyuki Masuyama zaubert in einem riesigen Leuchtkasten aus tausend Einzelbildern eine großartige blumenübersäte Wiesenlandschaft.

An Berühmtheiten aus dem Fotokunstlager ist in Heidenheim kein Mangel. Cindy Sherman ist zugegen, die Klassiker Karl Blossfeldt, Andreas Feininger, Laszlo Moholy-Nagy und Raoul Hausmann trumpfen auf, sogar Joseph Beuys lässt mit seinen Aktionen grüßen.

Aus der jüngeren Generation meldet sich Günther Förg zu Wort, der ja in frühen Jahren nicht mit seiner Malerei glänzte, sondern der sich damals zunächst als Fotograf teils bewundernd und teils kritisch den Architektur-Aus­geburten des  faschistischen Italien annäherte. Mit Architektur beschäftigt sich auch der 1961 in Köln geborene Boris Becker. Mit Tennisspielen hat dieser Boris Becker überhaupt nichts am Hut, nein, ganz in der Spur einer Candida Höfer entdeckt er für uns die ästhetischen Reize von ganz bestimmten Raumsituationen.

Man sieht, wie attraktiv und lehrreich eine Fotokunst-Schau sein kann. Kuratoren aus grö­ßeren Häusern könnten da schon  mal einen Seitenblick in Richtung Heidenheim riskieren, denn da können sie sicher in ­Sachen Kunstvermittlung eine ganze Menge nützlichen Honig saugen.

Burkhard Meier-Grolman

Info Bis 20. September, Di-So 11-17 Uhr, Mi 13-19 Uhr.