Ulm / Von Jürgen Kanold Vor 300 Jahren wurde Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen geboren. Der Titel „Lügenbaron“ hängt ihm auch wegen einer Scheidungsklage an. Von Jürgen Kanold

Zu kurz gesprungen: Der Reiter steckt bis zum Hals im Morast. Er droht tödlich zu versinken. Aber kein Problem: „Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte.“

Donald Trump würde das anders twittern. Doch ein solches Märchen, in dem sich der US-Präsident zum übermenschlichen Helden stilisiert, das aber natürlich nicht erfunden, sondern absolut wahr ist, könnte auch von ihm stammen. Realitätsbezug spielt ja keine Rolle. Fake News? Never! Vielleicht berichtet Trump in ein paar Jahren, wie er persönlich das Coronavirus auf der Straße gefangen und vernichtet hat.

Sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen: Die Geschichte ist freilich schon ziemlich alt und findet sich in den „Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande“, der Sammlung mit „Feldzügen und lustigen Abenteuern des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte“. Sie wurde Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlicht, aber nicht vom Freiherrn selbst und auch von niemandem, der sich in seinem Zirkel berauschte, sondern von dem Dichter Gottfried August Bürger.

Dieser Münchhausen ist nicht nur eine literarische Figur, sondern er lebte wirklich – keine Lüge! Er wurde vor 300 Jahren, am 11. Mai 1720, als Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in Bodenwerder an der Weser geboren. Weshalb das jetzt gefeiert wird, und zwar auch mit Büchern. So schrieb Anna von Münchhausen das Bändchen „Der Lügenbaron“ über ihren „phantastischen Vorfahren“. Darin abgedruckt sind auch viele Anekdoten der heutigen Familienmitglieder, die es nicht so lustig finden, bei Behörden auf grundsätzliches Misstrauen zu stoßen, nur weil sie Münchhausen heißen. Der Trump-Vergleich würde sie gewiss empören. Denn die Münchhausen-Abenteuer: Sie sind keine Lügen, sondern Fabulierkunst, Unterhaltung, frühe Fantasy.

Aber noch einmal zurück zur historisch gesicherten Wahrheit. Münchhausen wurde mit 13 Jahren an den herzoglichen Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel gegeben, als Page. So kam er herum in der Welt, und zwar im Gefolge des Prinzen Anton Ulrich, dessen persönlicher Diener er am Hofe in St. Petersburg wurde. Mit Anton Ulrich zog Münchhausen 1738 in den russisch-türkischen Krieg, in dem der Feldmarschall Graf Münnich die Festung Otschakow am Schwarzen Meer eroberte . . .

Aha, der Ritt auf der Kanonenkugel! Genau, Münchhausen hatte eine diensteifrige wie fabelhafte Idee, die feindlichen Posten zu überwinden. Er sprang „im Hui auf die Kugel“, die gerade abgefeuert wurde. Dann stiegen dem Tausendsassa auf halbem Wege allerdings „nicht unerhebliche Bedenken zu Kopfe“, ob er drinnen als Spion gefangen und am Galgen enden würde – deshalb nahm er die „glückliche Gelegenheit“ wahr, in der Luft auf eine aus der Festung abgefeuerte Kanonenkugel zu springen und zurückzukehren.

Der echte Münchhausen aber machte Karriere bei der Kavallerie, war in Riga stationiert und zog als Kaiserlich-Russischer Rittmeister  um 1750 wieder in die Heimat. Er lebte als Gutsherr in Bodenwerder, er soll raffiniert ausgeschmückte Erlebnisse aus Kriegstagen und von Jagdausflügen erzählt haben und starb 1797. Das böse Wort vom „Lügenbaron“ aber fiel bei einer Scheidungsklage, als die Anwälte seiner zweiten, betrügerischen Frau Bernhardine ihn zu verleumden versuchten.

Mittlerweile aber war er ohne jedes Zutun zum frühen Fantasy-Star geworden. Irgendjemand muss die tollkühnen Geschichten noch übertreibend weitergeplaudert haben: 1781 erschien in Berlin eine Ausgabe des „Vademecum für lustige Leute“ mit Erzählungen eines Herrn von M-h-s-n. Rudolf Erich Raspe übersetzte sie ins Englische und veröffentlichte sie 1785 – jetzt war vom Baron Münchhausen die Rede. Gottfried August Bürger wiederum übertrug das Buch 1786 literarisch ins Deutsche und landete einen Bestseller – mit Fortsetzungen, die dann mit Münchhausens Leben gar nichts mehr zu tun hatten.

Egal, wer glaubt schon daran. Fantasy ist ja schön geträumte Wunderwelt – wenngleich zuweilen auch ein sich Verschließen vor der Realität. Die bekannteste Verfilmung der Münchhausen-Abenteuer ist eine aufwändige Produktion mit Hans Albers von 1943 – ein Durchhaltefilm der Nazis in Kriegszeiten.

Neue Bücher

Anna von Münchhausen, die frühere „Zeit“-Journalistin, hat zum 300. Geburtstag das Büchlein „Der Lügenbaron – Mein phantastischer Vorfahr und ich“ geschrieben (Kindler, 128 Seiten, 15 Euro). Im Benevento-Verlag erscheint am 20. Mai „Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co.“ von Tina Breckwoldt. Faber & Faber bringt noch in diesem Mai Gottfried August Bürgers Geschichten in einem schmucken Leinenband mit Illustrationen von Thomas M. Müller heraus: „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“.