Berlin / dpa Die einen kämpfen um ihre Existenz. Andere nutzen die Auszeit für Kreatives.

„Es ist Wahnsinn, was hier gerade abgeht“, sagt der Popsänger Sasha (48). Der Musiker hat seine fürs Frühjahr geplante „Schlüsselkind“-Tour komplett absagen müssen. Neue Termine im Herbst habe er nicht gefunden, schließlich verschieben unzählige Künstler derzeit ihre Gigs. Außerdem: Wer kann schon sagen, ob dann wieder gespielt werden kann? Sasha: „Es trifft ja nicht nur mich und die Kollegen, sondern vor allem Techniker, Musiker, kleine Künstleragenturen oder Gastronomen.“

Viele stünden am beruflichen Abgrund, sagt Sasha. „Keine Aufträge mehr zu bekommen, heißt im Zweifel auch, keine Miete mehr zahlen und die Familie nicht ernähren zu können.“ Für den für Musiker so wichtigen Sommer sind Festivals und Open-Air-Auftritte geplant – noch.

In der heutigen Musikszene, in der die Erlöse durch Plattenverkäufe und Streaminganbieter eher gering sind, hängt ein Großteil der Einnahmen von Konzert­tickets und dem „Merchandising“ bei Auftritten ab. Vor allem kleine Independent-Bands leben von Konzerten. „Uns betrifft die Situation direkt auch finanziell“, sagt Timothy Lush von der Indieband Kytes. Der Schlagzeuger wäre in einer Zeit ohne Coronavirus mit seinen Kollegen auf „Good Luck“-Tour. Sie ist nun verschoben worden.

„Das heißt: Geld, mit dem wir gerechnet hatten, kommt erst mal nicht“, sagt Lush. „Aber an einer Tour hängen natürlich auch noch viele weitere Ausgaben: Crew, Nightliner, Technik, Plakatierungen und Online-Marketing, welches man leider nicht ,umtauschen’ kann.“ Die vier Musiker aus München machen es derzeit so wie immer mehr Künstler: Sie streamen von Zuhause aus. Und hoffen auf Spenden ihrer Fans.

Die Macher der Plattform „dringeblieben.de“ veranstalten derzeit regelmäßig Events, die eigentlich in gut gefüllten Clubs und Bars stattfinden. Neben Konzerten auch DJ-Sets, Theateraufführungen und sogar Cocktailkurse – Not macht erfinderisch. Internationale Musikgrößen wie der Coldplay-Sänger Chris Martin, Gianna Nannini oder John Legend verlagern ihre Konzerte ebenfalls ins heimische Wohnzimmer oder Tonstudio.

Deutsche Popmusiker wie Johannes Oerding, Max Giesinger, Lotte und Nico Santos ziehen nach. Am Sonntag melden sich sieben Künstler aus der selbst auferlegten Quarantäne zum „Wir bleiben zuhause“-Festival. Fans können per Instagram-Livestream dabei sein – sofern die Internetverbindung mitspielt.

Musiker, die sonst von Auftritt zu Auftritt hetzen, versuchen also auch in der durch das Coronavirus bedingten Entschleunigung kreativ zu sein. Viele dürften derzeit auf dem heimischen Sofa sitzen und an Songtexten feilen – über Ruhe, Einsamkeit und Enthaltung. dpa