Von Ulrich Rüdenauer Mit seiner mutigen Reportage „Gomorrha“ rüttelte der Journalist Roberto Saviano auf. Jetzt liegt sein neuer Roman vor: „Die Lebenshungrigen“. Von Ulrich Rüdenauer

Diese Jungs haben die Prinzipien des Neoliberalismus verstanden: Sie verdrängen rücksichtslos ihre Konkurrenten, wollen ein Monopol aufbauen, den Markt beherrschen, die besten Importwege nutzen und sich über althergebrachte Regeln hinwegsetzen. Sie sind 17, 18 Jahre alt, und die Geschäfte laufen so gut, dass sie Champagner trinken wie andere Wasser und ihre Freundinnen mit Edelklamotten ausstaffieren können. In jedem Restaurant ihres Viertels ist für sie selbstverständlich zu jeder Zeit ein Tisch reserviert, und wenn sie in einer Diskothek auftauchen, geht ein Raunen durch die Menge: Erfolg macht sexy. Die Paranza – die Gang von Nicolas – macht in Neapel mehr her als Popstars auf Youtube.

Nicolas Maraja hat es weit gebracht. Wir kennen ihn und seine „Bros“, die aus der bürgerlichen Mittelschicht Neapels stammen, schon aus Roberto Savianos Roman „Der Clan der Kinder“, dessen Verfilmung gerade in deutschen Kinos läuft. Diese frühreifen Kids handeln natürlich nicht mit legalen Waren, sondern mit Drogen. Ihre Verhandlungen führen sie mit Schnellfeuerwaffen. Und ein Argument, das hier zählt, ist Angst – wer sie erzeugt, sitzt am längeren Hebel. Wer sie hat, ist schon verloren.

„Die Lebenshungrigen“ heißt nun die Fortsetzung dieser literarischen Milieustudie. Anführer Nicolas und seine Jungs sind ein paar Jahre älter. Und nach ein paar Morden noch brutaler. Sie rasen noch immer mit ihren Rollern durch die engen Gassen Neapels, aber sie haben sich inzwischen einen Ruf erarbeitet: Für korrupte Bankiers werden sie zu solventen Geschäftspartnern, für ihre meist stolzen Eltern zu Versorgern und für die im Hintergrund ihre Strippen ziehenden alten Chefs zu einer ernst zu nehmenden Gefahr.

Dieser Aufstieg vollzieht sich freilich nicht ohne Opfer: Verräter werden sadistisch aus dem Weg geräumt, Gegner liquidiert, bevor sie selbst zuschlagen können. Saviano spart nicht an detailreichen, drastischen Gewaltszenen. Noch irritierender ist diese Brutalität im Vergleich zum ersten Band. Noch deutlicher wird hervorgekehrt, dass die Rohheit der Kinder auch eine mediale Seite hat: Immer wieder beziehen sich die Nachwuchs-Gangster auf Mafia-Filme, stellen nach, was von der Leinwand oder dem Computerbildschirm flackert.

Tatsächlich läuft Saviano ebenfalls in die Falle der Stilisierung: Auch wenn er mit den besten Absichten – und natürlich penibel recherchiert – von der irrsinnigen Kaltblütigkeit der Jugendbanden erzählt, bleibt da doch immer auch eine Faszination für dieses Außenseiterleben. Vor einigen Jahren bemerkte der Autor in einem Interview, dass man immer gesagt habe, das Kino kopiere die Mafia. Es sei aber umgekehrt: Die Mafia ahme das Kino nach. Das Kino kreiere einen Mythos. Und die Mafiosi seien daran interessiert, dass ein Mythos um sie entstehe.

Auch „Die Lebenshungrigen“ spielen mit diesem Mythos, setzen ihn trotz eines aufklärerischen Impulses fort, erliegen der Wirkmacht der vorgefertigten Bilder. Und hiermit hängt das zweite Problem dieses Romans zusammen: Saviano ist ein engagierter und aufsehenerregender Journalist. Als Romancier aber rutscht er gerne ins Klischee, setzt seine Figuren als Transporteure des umfangreichen Materials ein, das er in den letzten Jahren zusammengetragen hat. In die tieferen Seelenschichten seiner aus realen Vorbildern geformten Protagonisten dringt er kaum vor; den Zwiespälten, die an manchen Stellen als kleine Risse sichtbar werden, forscht er selten nach.

Er überfordert die Leserinnen und Leser mit den vielen Verstrickungen seines kaum mehr fassbaren Personals – jeder russische Roman des 19. Jahrhunderts scheint dagegen übersichtlich. Und wäre die Geschichte, die für die Kinder nicht gut endet und die alte Machtordnung zumindest vorübergehend wieder herstellt, nicht so erschreckend und damit leider auch fesselnd wie ein Krimi, würde man den Roman bald schon allein wegen der etwas grobmotorischen Verwendung der Sprache und der überfordernden Atemlosigkeit der Ereignisse zur Seite legen.

Roberto Saviano ist als Aufklärer gewiss ein Held. Aber er muss aufpassen, seine Verbrecher-Figuren nicht auf genreliterarische Weise in Ikonen zu verwandeln.

Unter Polizeischutz

Autor Der investigative Journalist Roberto Saviano hat vor etwas mehr als zehn Jahren mit seiner mutigen Reportage „Gomorrha“ ein Buch vorgelegt, das nicht nur zu einem riesigen Bestseller wurde. Es war auch eines, das den führenden Mafia-Familien Neapels ziemlich sauer aufstieß. Bis heute lebt Saviano unter Polizeischutz – in einem Gefängnis, wenn man so will, das eigentlich anderen zugedacht sein sollte. Das Schreiben hat er trotz aller Drohungen nicht aufgegeben.