Ulm / Von Udo Eberl Die Einstürzenden Neubauten veröffentlichen nach zwölf Jahren ein neues Studioalbum. Sänger und Frontmann Blixa Bargeld über das Entstehen der Stücke und was ein Schrottplatz damit zu tun hat. Von Udo Eberl

Mit ihrem neuen Album „Alles in Allem“ bieten die Einstürzenden Neubauten eine Quintessenz ihres  mittlerweile 40 Jahre dauernden Schaffens und übertreffen sich dabei noch einmal selbst. Blixa Bargeld, dem Sänger und charismatischen Anführer der Berliner Forschergruppe für Klang und Text, die weltweit Kultstatus genießt, ist die souveräne Freude über diesen akustischen Neubau auch im Video-Interview deutlich anzusehen. Wenn es um die Beschreibung der Meta-Ebenen und Studio-Inszenierungen der verschiedenen Stücke geht, kommt das Gesicht des durch und durch von Kultur Bewegten der Kamera so nahe, dass man ihn via Bildschirm fast im eigenen Homeoffice sitzen hat. Da vereinen sich der abgeklärte Intellekt des wissensdurstigen Rechercheurs und das geradezu sprudelnde Mitteilungsbedürfnis in dem 61-jährigen Schöpfer, der den Zuhörer beim Erzähl-Exkurs in immer tiefere Schichten der verschiedenen kreativen Prozesse mitnimmt.

Der Album-Titel „Alles in Allem“ klingt nach Bilanz.

Blixa Bargeld: Es gab durchaus mehrere Titel zur Auswahl, aber „Alles in Allem“ hat sich durchgesetzt. Die klassische Variante, das Album nach einem der Stücke zu benennen. Kein anderes hatte sich so sehr angeboten. Es ist ja auch weniger als summa summarum gemeint, sondern eher als holistische Idee. Alles ist in allem vorhanden.

Was zeichnet das Album vor allem aus?

Auch wenn das abgedroschen klingt: Es ist das beste Album, das wir je gemacht haben. Es hat mehr Platz, unsere Haltung ist eine andere. Früher hatte ich oftmals das Gefühl, da müsse noch etwas hin, dort wird es zu langweilig, wenn nichts passiert. Das ist nicht mehr vorhanden. Vielleicht auch eine Frage des Alterns.

Zwölf Jahre sind eine Menge Zeit hin zum neuen Studioalbum. Wird man da stilistisch noch mutiger? In „Ten Grand Goldie“ scheint sogar ein Cajun durchzuschimmern.

Ich habe vor nahezu 20 Jahren ein Kartensystem für die Neubauten geschrieben und dafür all unsere Ideen fixiert. Das sind 600 Karten, die Neubauten-spezifisch sind, gedruckt auf dicker Pappe wie Memory-Karten mit bestimmten Materialien, Instrumenten und Personen, aber auch abstrahierten Handlungsanweisungen. Das System ist allerdings weniger aleatorisch, sondern eher ein Spiel mit Interpretationen. Häufig halten wir die Karten für die Anderen verdeckt, man kann aber Karten durchaus auch tauschen. Da gibt es keine starren Regeln. Es trägt mit Dave den Namen der Stimme des ersten Auto-Navigationssystems, das ich in einem Auto hatte. Wir spielen nun bereits sehr lange mit Dave. Mit „The Jewels“ ist ein ganzes Album so entstanden, und in unserer aktuellen Arbeitsphase IV sind es bereits zwölf Stücke.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

„Ten Grand Goldie“ ist so ein Stück. Hier hatte Alex die Vorgabe „Rasant“, ich hatte die Karte „Wissenschaftlich“ und „Sample“. Dafür habe ich mir im Netz auf wissenschaftlichen Seiten Audio­dateien eingesammelt: den Klang von Molekülen, den Ruf des Flötenwürgers oder ein Tuareg-Schlaflied aus dem Jahre 1947. So baut jeder erst einmal sein eigenes Instrument. Andrew hatte dagegen die Karte „Ohrwurm“ und entschloss sich dazu, eine Hammondorgel für Popmusik zu spielen. Die Karten sind natürlich vor allem dazu da, die Routinen zu sabotieren und die Logik zu unterwandern.

In diesem Stück gibt es auch diverse Text-Samples.

Ich hatte auch die Karte „Anrufen“ und entschloss mich dazu, per Zufallsgenerator ausgewählte Neubauten-Unterstützer anzurufen, die ich davor gebeten hatte, ein Wort mit mir zu teilen. Außerdem fragte ich sie nach dem letzten Satz, den sie von jemandem gehört hatten. Über eine philippinische Unterstützerin kam ich so zum Titel  „Ten Grand Goldie“. Mit all diesem Material habe ich dann gespielt, es moduliert, transformiert oder unbearbeitet gelassen. Während ich mit diesen disparaten Textschnipseln spielte und meinen eigenen Ideen beigab, hatte ich immer mehr das Gefühl, dass hinter all dem Nonsens und den Brechungen auch etwas Politisches steckt.

In vielen Stücken spürt und hört man wieder die frühe Neubauten-­Radikalität.

Wir hätten wie andere Bands auch Formeln finden und uns daran festhalten können. Wir haben aber die Nichtkontinuität als unsere klare Linie gesehen. Allerdings gab es für uns nun ein einschneidendes Erlebnis. Es lässt dich niemand mehr auf einen Schrottplatz. Normalerweise besuchten wir vor jeder Periode einen Schrottplatz, um Gegenstände zu finden, die uns etwas erzählen oder besondere Metaphernfelder eröffnen. Gar nicht so sehr nach Klang ausgewählt. Wir haben alles versucht. Vergeblich.

Wie lösten Sie das Problem?

Ich habe versucht, andere Materialfelder zu aktivieren. Deshalb haben wir für „Taschen“ eine Idee umgesetzt, mit der ich schon lange schwanger gegangen bin. Es gibt diese Plastikgewebetaschen, die man im Volksmund Migrantenkoffer nennt, da häufig Flüchtlinge ihr ganzes Hab und Gut darin haben. Diese Taschen springen einen nicht als Musikinstrument an. Die muss man schon überlisten, wenn man ihnen etwas entlocken will. Zunächst versuchte ich sie mit Helium zu füllen, aber sie schwebten nicht. Styroporflocken kamen nach einer Nachhaltigkeitsdiskussion der Band nicht in die Tasche.

Was war die Lösung?

Wir füllten vier Taschen mit Lumpen, die fünfte, Alexanders Solo-Tasche, ist mit kleinen Plastikcontainern befüllt, in denen sich allerhand Materialien wie Münzen, Nägel oder Erbsen befinden. Das ist so eine Art Meta-Maracas, vor allem aber ein Idiophon, ein unkontrollierbarer Geräuscherzeuger, der nach Meer klingen kann. Akustisch war das ein wirklicher Aha-Moment. Mir wurde eine Geschichte erzählt, die in ihrer Materialität bereits verankert ist. So wie es sein muss. Ich fragte dann noch bei Ghayath Almadhoun, einem syrisch-palästinensischen Dichter, an, ob ich dessen Buchtitel „Ein Raubtier namens Mittelmeer“ im Text verwenden dürfe. Ich durfte und als letzte Zeile fand ich nächtens noch „Wälzt die Wogen ungeheuer, ein gefrässiges Ungetüm.“

Ist „Alles in Allem“ ein Berlin-Album? Die Song-Titel lassen das vermuten.

Auf die Frage nach Konzepten für das Album sagte ich zu Beginn immer: Vielleicht hat es mit Berlin zu tun. Es gab auch das Stück „Welcome to Berlin“, welches aber in der Endqualitätskontrolle aussortiert wurde. Ein Berliner Loch in einem Album, das nun doch von vielen Berliner Titeln getragen wird.

Der „Grazer Damm“ in Berlin könnte kaum düsterer und suizidaler klingen.

Der Grazer Damm ist das letzte verbliebene Baudenkmal nationalsozialistischer Familienarchitektur, hochgezogen von Zwangsarbeitern. Ein Gebäude mit großen Höfen, ein Kilometer lang und in jedem Haus ein Luftschutzkeller. Meine Schwester lebt immer noch dort. Dieses Stück ist im Kern ein Traum umgeben von realistischen Splittern. a) ist es unumwunden zugegeben autobiografisch, b) hat es einen Berlin-Bezug, c) es ist auch ein Dave.

Zum großen Finale wird das filmmusikalische „Tempelhof“.

Das Stück ist die Verschränkung von zwei Gebäuden, dem ehemaligen Flughafengebäude auf dem Tempelhofer Feld und dem römischen Pantheon. Ich wollte hier beim Durchschreiten eine Atmosphäre des Staunens erzeugen, eine Halbschlaf-Fantasie entstehen lassen, dort „Wo die Nacht am flachsten ist“. Salve!

Live-Auftritte erst wieder 2021

Auf dem Album „Alles in Allem“ (Potomak/Indigo) modifizieren die Einstürzenden Neubauten (N.U. Unruh, Alexander Hacke, Jochen Arbeit, Rudi Moser und Blixa Bargeld) einmal mehr Alltags- und Gebrauchsmaterialien und Geräusche zu einem Klanginstrumentarium. Entstanden ist es auch dank der finanziellen Unterstützung der weltweiten Neubauten-­„Supporter“, die bereits die Entstehung des Albums phasenweise live aus dem Studio im Internet miterleben durften. Alle Live-Termine der Berliner Band sind wegen Corona ins Jahr 2021 verlegt worden.

In der Ludwigsburger MHP-Arena spielen sie am 16. Mai 2021. Jede Menge Infos, Blogs und Webcasts der Musiker gibt es unter www.neubauten.org.  udo