Berlin / Jörg Gerle Ein betörendes Requiem des Regisseurs und Komponisten Jóhann Jóhannsson bringt großen Hörgenuss zu Hause. 

Im Nachhinein können die Macher der Berlinale drei Kreuze machen. Die Filmfestspiele waren das letzte kulturelle Groß­event, das in Zeiten von Corona in Deutschland noch stattfinden durfte. Die (Film-)Kultur muss sich jetzt neue Nischen suchen, wird einsamer, aber bleibt! Während die Kinos darauf hoffen, dass das Publikum umso freudiger zurückkommt, wenn die Säle wieder geöffnet werden, bleibt den Filmbegeisterten, daheim auf Schatzsuche zu gehen.

Während das Fernsehen eine „Virenexperten“-Runde nach der anderen sendet, könnte man vielleicht mal wieder die heimische DVD-Sammlung abstauben oder die Streaming-Dienste nutzen, um zu schauen, was es jenseits der lärmenden Serien noch zu entdecken gibt. Oder nach Wundersamem stöbern.

Ein cineastisches Wunder, das mit dem Ende der Berlinale gleich schon für die Nachwelt konserviert worden ist, findet sich ausgerechnet im Musikregal. Was sich dort findet, ist faszinierend und auch ein wenig gespenstisch – in vielfacher Hinsicht: Jóhann Jóhannsson gehört zu den großartigsten (Film-)Komponisten des 21. Jahrhunderts, und die Nachricht seines allzu frühen Todes 2018 löste Bestürzung aus.

CD mit Film-Beigabe

Umso aufregender war das Wiederhören und -sehen, das uns der Isländer in Berlin bescherte. Zwei Jahre nach seinem Freitod feierte „Last and First Men“ Premiere. In ihm begibt sich der Regisseur Jóhannsson auf die Reise zu den archaischen Kriegsmonumenten Ex-Jugoslawiens, setzt sie auf körnigem 16mm-S/W-­ Filmmaterial in Szene und untermalt sie mit einem betörenden Requiem, das an seine Musiken zu „Sicario“, „Arrival“ und „Maria Magdalena“ erinnert. Zusammen mit den von Tilda Swinton vorgetragenen Romanfragmenten aus Olaf Stapledons Science-Fiction-Roman „Die letzten und die ersten Menschen“ ergibt sich eine visionäre Reflexion über die Zukunft der Menschheit.

Zu entdecken ist sie wie gesagt in der Musikabteilung, denn die Deutsche Grammophon hat der CD zudem noch die Blu-ray mit dem Film beigelegt. Eine wunderbare Entdeckung – nur für Zuhause! Jörg Gerle