Ulm / Marcus Golling Der Österreicher Alexander Pechmann erzählt in „Die zehnte Muse“ eine fesselnde Schauergeschichte.

Die Menschen im Schwarzwald wissen sich so manche Schauergeschichte zu erzählen. Der österreichische Autor Alexander Pechmann fügt dem Schatz eine weitere hinzu: Sein Roman „Die zehnte Muse“ handelt von Geistern aus längst vergangenen Zeiten – und davon, aus welchen Quellen sich die Kreativität von Künstlern speist.

Das Buch lässt im Juli 1905 zwei Männer auf einer Zugreise schicksalhaft aufeinandertreffen: den Maler Paul Severin, dessen Lebensgeschichte dem Autor zufolge an den Karlsruher Symbolisten Karl Hofer angelehnt ist, und den Engländer Algernon Blackwood. Letzterer ist eine historische Figur, Theosoph, Autor von Spukgeschichten und hierzulande am ehesten bekannt für seine gespenstische Donau-Reisebeschreibung „Die Weiden“. Es ist typisch für Pechmann, der bei Steidl schon die Romane „Die Nebelkrähe“ und „Sieben Lichter“ veröffentlicht hat, dass er Fakten mit übersinnlicher Fiktion mischt.

Wer ist das alterslose Mädchen?

Blackwood und Severin sind auf dem Weg nach Königsfeld. Der Literat besuchte dort 20 Jahre zuvor das Internat der Herrnhuter Brüdergemeine. Bei heimlichen Ausflügen in den Wald traf er ein mysteriöses Mädchen, das in einer nicht nur ihm unverständlichen Sprache redete. Eben dieses Mädchen erkannte Blackwood auf einem Bild Severins, der im Königsfelder Wald ebenfalls der Unbekannten begegnete, allerdings erst vor wenigen Monaten. Doch wie kann es sein, dass die junge Frau in der Zwischenzeit nicht gealtert zu sein scheint? Sind die Männer einem Trugbild, einem Schwindel aufgesessen – oder spukt es wirklich im Schwarzwald?

„Die zehnte Muse“ spielt nicht nur vor mehr als 100 Jahren, es ist auch ein wundersam aus der Zeit gefallenes Buch: bevölkert von Menschen, die an Magie und Gespenster glauben, von Künstlern, die in ihren Bildern den Geheimnissen der Gnosis auf den Grund gehen wollen. Der 1968 geborene Wiener Pechmann hat zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts übersetzt und herausgegeben, darunter Herman Melville, Mary Shelley und Henry David Thoreau. Man merkt seiner Prosa ihre Wurzeln in der dunklen Romantik an, der Ton erinnert mehr an E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe als an Autoren der Gegenwart.

Das ist aber keine Schwäche dieses wunderschön gestalteten und, was die Hintergründe angeht, sehr gut recherchierten Bandes, sondern macht seinen Zauber aus. Selbst wenn die Details der esoterischen Szene des Fin de siècle und der Kunsttheorie die Lektüre nicht immer ganz leicht machen: „Die zehnte Muse“ macht den deutschen Wald wieder zu einem geheimnisvollen Ort. Marcus Golling