Gerade in unschönen Zeiten von Maskenpflicht und Abstandsregeln  sind wir quasi verpflichtet, wehmütig in  Erinnerungen zu schwelgen. Verständlicherweise wollen wir dabei nur die allerbesten Stücke aus dem Vergangenheitspanorama herauspicken, um sie dann gebündelt als Dauerschleife vor unseren Augen ablaufen zu lassen. Kein Wunder also, wenn sich sogar die  Kunsthallen und Museen auch hier im Südwesten daran machen, uns besonders gelagerte Love Stories aufzutischen.

Versteht sich, dass in den heiligen Hallen der Gegenwartskunst die heftigsten Flirts mit den Werkstücken aus den Künstlerateliers personengebunden vonstatten gehen – im Schauwerk in Sindelfingen war es das Sammlerehepaar Schaufler, das sich schon vor Jahrzehnten mit Vehemenz in eine ereignisreiche Affäre mit der Moderne geworfen hat. Am 11. Juni 2010 wurde das mit vielen Quadratmetern Ausstellungsfläche protzende Schauwerk im Sindelfinger Norden eröffnet, jetzt – nach 25 Kunstschauen –  darf die gesamte Belegschaft des Hauses doch einmal ihre Lieblingsstücke aus der Sammlung präsentieren.

Eine schönere und buntere Liebeserklärung an das zeitgenössische Kunstgeschehen lässt sich nicht denken, denn hier wird auch mit einem Augenzwinkern auf die spaßbegabten Kunstwerker unserer Tage verwiesen, wenn uns etwa gleich am Schauwerk-Eingang Erwin Wurms forsch ausschreitende überdimensionale und gülden glänzende Bratwurst-Skulptur begrüßt oder wenn der italienische Großmeister der Arte Povera, Michelangelo Pistoletto, in seinen Spiegelbildern uns Bildbetrachter lust- und humorvoll porträtiert. Auch Emotionen sind dabei, wenn bei Russell Young die doppelte Marilyn Monroe bittere Tränen vergießt.

Raumfressende Werke

Die Schauflers haben immer Wert darauf gelegt, neben Skulptur und Malerei speziell die Installationen auf ihre Erwerbsliste zu setzen. Wo sonst im Lande sieht man raumfressende Kunststücke  wie die riesige Text-­Leuchtwand von Maurizio Nannucci, die uns nahelegt, die Dinge doch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Auch die mal gottlob ohne politischen Background daherkommende, ungemein reizvolle Fahrradskulptur von Ai Weiwei gehört zu den Highlights im Schauwerk, von den anderen Augenschmeichlern Noland, Knoebel, Armleder, Paolini, Cragg, Fleury, Kapoor oder Paik gar nicht zu reden. Und dass den Künstlern oft der Schalk im Nacken sitzt, das zeigen wiederum der Kunstchaot Jonathan Meese mit seiner hübsch surreal inszenierten Kreuzigungsszene und der Japaner Yasumasa Morimura, der sich als Albert Einstein mit wirrer Haarmähne und herausgestreckter Zunge ablichtet.

Burkhard Meier-Grolman

Info Bis 24. April 2021 im Schauwerk (Eschenbrünnlestrasse 15); Di/Do 15-16.30 Uhr, Sa und So 11-12.30 Uhr.