Paris / dpa Dokumentation der Begegnung von Täter- und Opfer-Angehörigen nach Bataclan-Attentat gilt als Lehrstück in Toleranz.

Lola war 28 Jahre. Sie wurde bei dem Angriff auf den Konzertsaal Bataclan mitten in Paris durch zwei Schüsse getötet. Samy war einer der Attentäter, die dort am 13. November schwer bewaffnet in das Konzert der Rockgruppe „Eagles of Death Metal“ stürmten. Neunzig Menschen starben, darunter Lola. Samy, 29 Jahre alt, wurde von einem Polizisten erschossen. In Frankreich ist nun ein Buch erschienen, das als Lehrstück in Toleranz gefeiert wird. Es beschreibt die Begegnung zwischen dem Vater des Opfers und dem des Bataclan-Attentäters.

„Il nous reste les mots“ (etwa: Es bleiben uns die Worte) lautet der Titel des Buches, das auf mehr als 200 Seiten den Dialog zwischen Georges Salines, dem Vater der getöteten jungen Frau, und Azdyne Amimour, dem Vater des Dschihadisten, wiedergibt. „Erschütternd“, „überwältigend“, „bewegend“, so feiern Frankreichs Medien das Werk. Als „mutiges Buch“ beschreibt es die Regionalzeitung „La Voix du Nord“, als ein „Zeichen der Toleranz“ der Radiosender „France Info“.

Salines und Amimour sind sich erstmals im Februar 2017 auf Initiative des Vaters des Attentäters begegnet. Warum? Weil sich der gebürtige Algerier als Opfer seines Sohnes sah. Salines wusste zunächst nicht, wie er auf Amimours ungewöhnliches Anliegen reagierten sollte. Die Vorstellung, den Vater des möglichen Mörders seiner Tochter, habe ihm Angst gemacht, schreibt er im Buch. Er sagte das Treffen zu, weil er wissen wollte, was junge Menschen im Alter seiner Tochter zu diesem Massaker getrieben hatte.

Das Leben des jeweils anderen

In den Gesprächen erfuhren beide Männer vom Leben des jeweils anderen. Von Lola und ihrer Kindheit. Davon, dass Salines als Arzt im öffentlichen Dienst mit seiner Familie zwischen 1993 und 1998 in Ägypten lebte. In dieser Zeit wurden in Kairo auf das Luxushotel Semiramis Anschläge verübt und es fand das Massaker von Luxor statt, bei dem Islamisten mehrere Dutzend ausländische Touristen töteten.

Davon, dass Samy schüchtern und introvertiert war, dass er anfänglich Jura studierte und später in Paris als Busfahrer arbeitete und sich langsam radikalisierte. Und wie sein Vater vergeblich versuchte, ihn persönlich aus Syrien herauszuholen, wohin dieser 2013 zum Dschihad gereist war.

Amimour habe geglaubt, indem er seinem Sohn das ersparen würde, was er selbst habe durchmachen müssen, seien 90 Prozent der Erziehung gelungen, sagte er im Radio. Aber es gebe immer Dinge, die einem entgehen, erklärte er. Für beide, Georges Salines und Azdyne Amimour, diente der Dialog dazu, das Unfassbare zu verstehen. Sabine Glaubitz