Weimar / Jürgen Kanold Das politische Erdbeben im Erfurter Landtag weist auf eine mangelhafte Erinnerungskultur hin. Weimar steht nicht nur für Goethe oder das Bauhaus, sondern ebenso für Demokratiefeindlichkeit. Von Jürgen Kanold

Wer in Weimar vom Bahnhof aus in die Klassiker-Stadt geht, der erwandert wechselhafte deutsche Geschichte. Das neue Bauhaus-Museum, das der 1919 von Walter Gropius gegründeten „Werkstatt der Moderne“ gewidmet ist, liegt auf dem Weg. Nicht weit entfernt davon aber erinnert das so genannte Gauforum daran, dass die 70 000 Einwohner zählende Stadt in Thüringen einst zu Hitlers Lieblingsorten gehörte und ein willfähriges Opfer seines Architekturwahns war.

Weimar ist nicht nur Goethe und Schiller, die als Doppel-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater thronen. Dort tagte nach dem Ersten Weltkrieg die Nationalversammlung, die am 11. August 1919 die erste demokratische Verfassung Deutschlands verabschiedete – man spricht von der Weimarer Republik. Weimar war ebenso eine Hochburg der antisemitischen Deutschnationalen, dann der Nationalsozialisten: Das Nietzsche-Archiv, geführt von der Schwester des Philosophen, Elisabeth Förster-Nietzsche, avancierte zum (un-)geistigen Zentrum. Das spürte auch das Staatliche Bauhaus schnell, als die rechten Kräfte einer „Ordnungsbundregierung“ 1924 in Thüringen die Macht übernahmen, die Zuschüsse der verhassten Schule kappten und die Verträge kündigten, bis die Meister selbst zum April 1925 die Auflösung beschlossen und nach Dessau weiterzogen.

Braune Tradition

Weimar war damals die Hauptstadt des am 1. Mai 1920 aus einem Zusammenschluss diverser Kleinstaaten wie Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen oder Schwarzburg-Rudolstadt hervorgegangenen Landes Thüringen. Preußische Gebiete wie die Stadt Erfurt kamen erst 1945 dazu, und Erfurt wurde nach der Wiedervereinigung 1990 und der Neugründung des Freistaats Thüringen aus den DDR-Bezirken Erfurt, Gera und Suhl die Landeshauptstadt. So passierte am 5. Februar 2020 im Landtag in Erfurt, was die Bundesrepublik nachhaltig erschütterte und viele Politiker von einem „Dammbruch“ reden lässt: Mithilfe der AfD, angeführt vom Faschisten Björn Höcke, ließ sich der FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten wählen.

Das hat gewissermaßen Tradition, sagen Geschichtskundige. Zurück also in das nur gut 20 Kilometer entfernte Weimar. Nach Unruhen waren im November 1923 Truppen der Reichswehr in Thüringen einmarschiert; die von der SPD angeführte, von der KPD geduldete Regierung trat zurück, der Landtag wurde aufgelöst. Die konservativen Kräfte waren – fast – am Ziel: Der Thüringische Ordnungsbund, zu dem auch die Deutsche Demokratische Partei (DDP), ein Vorläufer der FDP, gehörte, hatte die Mehrheit verfehlt, doch es half die rechtsextreme Vereinigte Völkische Liste. Das war die Ersatzpartei für die nach dem Münchner Hitler-Putsch verbotene NSDAP.

So ging das dann auch weiter im späteren Nazi-Mustergau Thüringen. 1930 war Wilhelm Frick der erste nationalsozialistische Minister in einem Land des Deutschen Reichs.

Weimar ist nicht Berlin. Vergleiche zwischen der Weimarer Republik, in der Massenarbeitslosigkeit und teils bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, und der mehr als 70-jährigen, vorbildlich in einem Grundgesetz verankerten Demokratie der Bundesrepublik greifen viel zu kurz. Die Frage ist eher, weshalb in Thüringen die Geschichtsvergessenheit derart grassiert, die Erinnerungskultur so beschädigt ist.

Denn die braune Vergangenheit ist besonders auch in Weimar bedrängend zu spüren, wo nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, diesem Olymp deutscher Geistesgeschichte, die Nazis droben auf dem Ettersberg das Konzentrationslager Buchenwald errichteten. Am Tor steht die zynische Inschrift „Jedem das Seine“. Humanismus als Hohn, den Häftlingen stets vor Augen. Den Entwurf für den Schriftzug hatte im Übrigen Franz Ehrlich anfertigen müssen, ein Bauhaus-Schüler, der als Kommunist wegen Hochverrats ins Lager gekommen war.

Die unheilvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts wird dem Touristen in Weimar und Umgebung besonders bewusst.

Luther, Bach und Klassiker

Thüringen bietet kulturell mehr als Klassiker und Bauhaus. Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach geboren und wirkte in Arnstadt, Mühlhausen und Weimar. Auf der Wartburg bei Eisenach übersetzte Martin Luther das Neue Testament ins Deutsche. In Jena lehrte Johann Gottlob Fichte, der Philosoph des Idealismus, und dort fanden sich die Romantiker.