Ulm / Jürgen Kanold Zwei schlaue, politisch denkende Juristen und Schriftsteller unterhalten sich über die Zeitenwende: Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge sagen in der Corona-Krise „Trotzdem“. Von Jürgen Kanold

Seit 30 Jahren geht Ferdinand von Schirach schon zum Frühstück ins Café, er isst nie zu Hause. Jetzt habe er zum ersten Mal versucht, Eier zu kochen. Es roch sofort furchtbar nach verbranntem Plastik – der Reparaturservice habe ihn aufgeklärt: Es seien noch die Transportsicherungen unter den Herdplatten gewesen. So stellt man sich banal einen Intellektuellen vor: alltagsuntauglich.

Eine schöne Anekdote. Und ein hinnehmbarer Kollateralschaden der Corona-Krise. In dem kleinen Büchlein, das Ferdinand von Schirach jetzt mit Alexander Kluge herausgebracht hat, geht es um mehr: um eine Zeitenwende, die beides möglich mache, „das Strahlende und das Schreckliche“. Zwei „Anwälte des Menschengeschlechts“ unterhalten sich: geistreich, philosophisch, pointiert. Und überhaupt nicht weltfremd. Schirach (56) und Kluge (88), Juristen und Schriftsteller, haben das schon einmal getan mit Gesprächen über „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Das neue Brevier heißt „Trotzdem“.

Am 30. März unterhielten sie sich, via Internet. Kluge in der Rolle des universalgelehrt Fragenden, der im historischen Bewusstsein die Fäden verknüpft, Schirach als der erstaunlich politische Kopf, der Antworten gibt aus einem nicht minder geschichtskundigen Denken heraus. Talk-Shows mit diesem Duo wünschte man sich im Fernsehen. Man kann es immerhin lesen, mit nicht nur tagesaktuellem Gewinn.

Die bürgerlichen Freiheitsrechte im Ausnahmezustand – das ist das Hauptthema. „Es wird heute von manchen behauptet, das sei die Zeit der Exekutive. Aber das ist falsch. Wir leben in Demokratien, wir haben eine Gewaltenteilung. Noch immer muss das Parlament entscheiden, und daran darf sich auch nichts ändern. Noch scheint unsere Demokratie nicht gefährdet. Aber die Dinge können kippen.“ Schirach macht sich Sorgen, ob jetzt alle Maßnahmen verhältnismäßig sind.

Das sind sie nur, wissen Juristen, wenn sie vier Voraussetzungen erfüllen: Eine Maßnahme also muss einen legitimen Zweck verfolgen, geeignet, erforderlich und angemessen sein. Beispiel: Ein Politiker möchte verhindern, dass jedes Jahr tausende Menschen bei Autounfällen sterben, weshalb er vorschlägt, allen Menschen die Fahrerlaubnis zu entziehen. „Sein Ziel – das Leben von Menschen zu schützen – ist legitim“, sagt von Schirach. „Aber es ist in diesem Fall nicht angemessen“, ergänzt Kluge.

„Trotzdem“ – der Titel des Dialogs bezieht sich auf eine Passage aus Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“: „Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, dass beinahe alles Große, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche, Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei. Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war geradezu die Formel seines Lebens.“

Kluge und Schirach reden folglich über die Zukunft. „Aus der Seuche entsteht was Neues“, sagt Kluge, weit ausholend und zurückblickend. Das verheerende Erdbeben von 1755, das Lissabon zerstörte und 100 000 Opfer forderte: Es war auch ein Anti-Gottesbeweis. Die  Naturkatastrophe „löste eine Wende aus, einen Aufbruch. Sie ist Katalysator im Prozess der Aufklärung“, so Kluge. Er zitiert die „Göttliche Komödie“, in der Dante und Vergil am Ende die Hölle wieder verlassen: „Und wir entstiegen aus der engen Mündung/ Und traten vor zum Wiedersehen der Sterne.“ Kluge stellt dann eine nicht ganz bescheidene Frage: „Welche Sterne werden wir nach der Pandemie sehen?“

Allmächtige Politik

Schirach ist beeindruckt vom weltweiten Lockdown: „Wir können offenbar alles, wenn Gefahr droht, das haben wir jetzt gelernt.“ Vielleicht auch Eier kochen. Im Ernst, Schirach formuliert eine messerscharfe Erkenntnis: „Nie wieder wird deshalb ein Politiker zu einer jungen Frau sagen können, Klimaschutzmaßnahmen seien nicht zu verwirklichen, weil sie zu teuer sind, zu kompliziert oder die Gesellschaft zu sehr einschränken.“

Die Gesprächspartner

Nach „Die Herzlichkeit der Vernunft“ haben Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge mit „Trotzdem“ im Luchterhand Verlag ein weiteres Gespräch veröffentlicht (80 Seiten, 8 Euro). Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist Jurist, Filmemacher und Schriftsteller und lebt in München. Schirach, geboren 1964 in München, ist Strafverteidiger, Dramatiker („Terror“) und Bestsellerautor und lebt in Berlin. Seine letzten Bücher hießen „Strafe“ und „Kaffee und Zigaretten“.